Tönender Urwald

Daniel Harding Foto: Harald Hoffmann / DG

Michael Schade und Christian Gerhaher im "Lied von der Erde" mit dem Symphonieorchester des BR unter Daniel Harding

(München, 26. Juni 2008) Vor Gustav Mahlers "Lied von der Erde" Antonín Dvoráks "Das goldene Spinnrad" zu spielen, war eine schöne Idee, denn die schillernd-gruselige Tondichtung über ein ermordetes, verstümmeltes Mädchen, das durch den Tausch der fehlenden Gliedmaßen gegen das goldene Spinnrad wieder vollständig zum Leben erweckt werden kann, musizierten die exzellenten BR-Symphoniker unter Daniel Harding im Herkulessaal denkbar farbig - mit Lust an der melodischen Gemeidigkeit, den tonmalerischen Effekten und der Dramatik dieser Musik.

Auch bei Mahlers Vertonung chinesischer Gedichte vermochte Harding die Extreme in Dynamik und Tempo wunderbar auszureizen, und erzwang nach einem lauten Ausbruch immer wieder einen leisen Beinahe-Stillstand. Michael Schade hatte wenig Probleme mit der unbequem hohen Tessitura der Tenor-Partie, enttäuschte aber mit kaum hörbarer Mittellage und blasser Tiefe, seine Testosteron gesteuerte Männerrolle bot allerdings auch die eindimensionalere Aufgabe. Christian Gerhaher sang den eigentlich für einen Alt komponierten Part, dessen Text aber eine Männerstimme durchaus plausibel erscheinen lässt, mit betörend vielschichtiger, wandlungsfähiger, auch bei den leisen Tönen beindruckender Bariton-Stimme, bestechender Wortverständlichkeit und subtilem Ernst.

Höhepunkt war das halbstündige Lied "Abschied", das Harding eingerahmt von düsterer Bass-Grundierung als ein großartiges Mosaik von wie improvisiert klingenden Naturlauten der Holzbläsersolisten musizieren ließ. Christian Gerhaher trat in einen aufregenden Dialog mit diesen stilisierten Tierstimmen wie in einem asiatischen Urwald. Am Ende begann die Musik um so sehnsuchtsvoller zu strömen und führte einen Mann in die Bergeinsamkeit und den mutmaßlichen Tod, dem - mit Kleist zu sprechen - "auf Erden nicht zu helfen war". Großer Beifall nach minutenlanger, ergriffener Stille.

Klaus Kalchschmid