Christian Elsner, Christian Gerhaher und das WDR Sinfonieorchester unter David Zinman mit Mahlers "Lied von der Erde" und Schrekers Kammersinfonie
(Köln, 3. Februar 2012) Gustav Mahler und Köln - ein weites Feld. Zu Beginn der aktuellen Saison wurde mit einer Aufführung der "Sinfonie der Tausend" durch das Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz an die Eröffnung der Philharmonie vor 25 Jahren erinnert, als dieses Werk mit dem gleichen Orchester unter seinem damaligen Chef Marek Janowski erklang. Stenz erarbeitet im Zuge seiner Livekonzerte eine CD-Aufnahme des sinfonischen Mahler-Oeuvres. Das andere bedeutende Orchester der Stadt, das WDR Sinfonieorchester (früher: Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester), hatte eine Mahler-Hochzeit in den achtziger Jahren, als es von Gary Bertini geleitet wurde. Das von EMI später publizierte Konvolut aller Sinfonien einschließlich des "Lieds von der Erde" befindet sich weiterhin auf dem Phonomarkt.
Das Archiv des Westdeutschen Rundfunks spiegelt insgesamt ein wenig die Rezeption Mahlers nach 1945, welche zunächst zögerlich anlief und sich nun auf einem kaum noch zu steigernden Höhepunkt befindet. Die früheste Nachkriegseinspielung datiert von 1951. Lange galt der Konzertmitschnitt der 3. Sinfonie unter Eugen Szenkar (mit Diana Eustrati) als "gelöscht", bis unerwartet eine hausinterne Kopie auftauchte. Diese Aufnahme ist unabhängig von ihrem musikalischen Rang ein historisch hochbedeutendes Dokument. Szenkar (1891-1977) nämlich hatte sich für Mahler bereits in seiner Dresdner Zeit (ab 1916) nachhaltig eingesetzt, dann auch in Köln, wo er 1924 Nachfolger von Otto Klemperer (seinerseits ein Mahler-Exeget) wurde. Unter Szenkar erklang u.a. die "Achte" (auch Arnold Schönbergs ebenfalls monumentale "Gurre-Lieder"). Er zeichnete darüber hinaus für die deutschen Erstaufführungen von Sergej Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" und Zoltán Kodálys "Hary Janos" verantwortlich und setzte auch die Ballettpantomime "Der wunderbare Mandarin" seines Freundes Belá Bartók aufs Programm. Der skandalumwitterten Aufführung folgte das bekannte Spielverbot durch den damaligen Kölner OB Konrad Adenauer!
Kurze Zeit nach dem Szenkar-Mahler-Konzert 1951 folgte beim WDR Hans Rosbaud mit der 5. Sinfonie. Otto Klemperer widmete sich 1954 der "Vierten" und führte das Werk mit der gleichen Solistin Elfride Trötschel zwei Jahre später auch beim Berliner RIAS auf (dieser Mitschnitt wurde kürzlich auf CD veröffentlicht). 1955 interpretierte der Bariton George London unter seiner Stabführung die "Kindertotenlieder"; auch diese Aufnahme wurde vor einiger Zeit (offiziell) publiziert. Das Gleiche gilt für die Dirigate von Dimitri Mitropoulos (1959: Sinfonie Nr. 6, 1960: Sinfonie Nr. 3 mit Lucretia West). Die Dritte ist die überhaupt letzte Aufnahme des griechischen Dirigenten, der - bereits von Krankheit gezeichnet ? nach dem Kölner Konzert entgegen dem Rat seiner Ärzte nach Mailand fuhr, um das Werk auch dort zu leiten. Während der Proben ereilte ihn aber der Tod. Für Köln war der Verlust besonders schmerzlich, hatte Mitropoulos dem WDR doch sein Interesse an einer Chefposition des "KRSO" wissen lassen.
Mahler-Sinfonien wurden in Köln auch dirigiert von Georg Solti (1957: Nr. 1), Dean Dixon (1959: Nr. 9), Constantin Silvestri (1960: Nr. 10), Rafael Kubelik (1961: Nr. 7 - ebenfalls bei Auslandsgastspielen in Berlin, München, Mailand und Zürich zu hören), Christoph von Dohnányi (1964: Nr. 1, 1966: Nr. 6). Der in Köln gebürtige William Steinberg (1965: Nr. 2 mit Stefania Woytowicz und Anny Delorie) sowie der WDR-"Hausdirigent" Joseph Keilberth (1967: Nr. 4 mit Agnes Giebel) profitierten bereits von der am Rundfunk jungen Stereo-Technik. So weit Hinweise auf Basis der Dokumentation "Zwanzig Jahre Musik im Westdeutschen Rundfunk - 1948 bis 1968". Zu ergänzen wäre das "Lied von der Erde" in Aufführungen unter den bereits erwähnten Pultgrößen Hans Rosbaud (1955, Grace Hoffman, Ernst Haefliger) und Georg Solti (Mahler-Jahr 1960, Herta Töpper, James McCracken).
Diese Interpretationen folgen wie auch die spätere unter Gary Bertini (mit Marjana Lipovsek, Ben Heppner) der traditionellen Verteilung der Gesänge auf einen Mezzosopran und einen Tenor. Sie gilt auch für die Version mit Klavierbegleitung, ebenso authentisch wie der Ersatz der Frauenstimme durch einen Bariton. Wenn ein Dietrich Fischer-Dieskau zur Stelle war (wie im Falle eines jüngst herausgekommenen Wiener Mitschnitts unter Josef Krips, Tenor: Fritz Wunderlich), erübrigten sich ästhetische Fragen nahezu automatisch.
Beim WDR Köln stand jetzt Christian Gerhaher zur Verfügung. Ohne seinem großen Kollegen irgendwie den Rang streitig machen zu wollen: Gerhaher (*1969) ist ein Mirakulum. Seine Stimme trägt in der Tiefe und (besonders) in der fast tenoralen Höhe fantastisch sicher, er versteht es hinreißend, Melodiebögen intensiv zu formen. Selbst dort, wo sich Fischer-Dieskau rhetorisch schon mal etwas verselbstständigte, vermag Gerhaher trotz prägnanter, sinnprägender Diktion Worte in ein sattes, still vibrierendes Klangfundament einzubetten. Sein Gesang ist etwas für die "einsame Insel". Die Ausdrucksmöglichkeiten für den Tenor sind, das ist selbst bei einem Fritz Wunderlich zuzugeben, von vorneherein beschränkt. Im Gegensatz zum kontemplativen Bariton (bzw. Mezzo) vertritt er das sanguinische Prinzip. Den euphorisch angelegten Part meisterte Christian Elsner allerdings mit großem Elan und fülligem Stimmklang. Das langsame Hineinwachsen ins Wagner-Fach (Siegmund, Parsifal) scheint sich auszuwirken. Das WSO war neuerlich ein flexibler, schattierungsreicher Klangkörper. David Zinman, seinerseits Mahler-erfahren, gab dem Werk Weite und sensitive Inbrunst, strukturierte es agogisch und dynamisch feinfühlig, ohne jemals äußerlich zu wirken. Auch Franz Schrekers mit Mahlers "Lied von der Erde" fast zeitgleich entstandene Kammersinfonie profitierte von solcher Kompetenz, so dass man auch auf diesen narkotischen "Klangzauberer" mit erhöhter Aufmerksamkeit reagierte.
Christoph Zimmermann