Musikalisches Kochbuch

"Les plaisirs du palais"

Vokalmusik der französischen und flämischen Renaissance-Ensembles Clément Janequin harmonia mundi HML

Wussten Sie, wie man Schwäne oder Pfauen zubereitet? Sie werden ausgenommen und auf einen Spieß gesetzt, "ohne die Füße und den Kopf zu entfernen"; sodann "Safran und in Wein eingeweichtes Weißbrot zerreiben, mit Safran verrührtes Eigelbe zugeben" und diese Mischung "mit einer Feder" auftragen, bevor die Vögel mit einer Gewürzmischung bestäubt werden. Und, ganz wichtig: Man achte darauf, dem Hausherrn "vom Hals, vom Kopf, von den Flügeln und von den Schenkeln" vorzulegen, "der Rest wird unter den Gästen aufgeteilt". Solches ist zu lesen im Booklet einer Doppel-CD mit Vokalmusik der französischen und flämischen Renaissance, die Harmonia mundi unter dem Titel "Plaisir du palais" herausgebracht hat. Vegetarier werden wenig Freude an den Rezepten aus dem 13. und 14. Jahrhundert haben, vielleicht aber an den zahlreichen kulinarisch orientierten Stillleben und humoristischen Kupferstichen, die diese aufwändige Ausgabe zieren. Und wem selbst der Anblick kunstvoll drapierter Schweinehälften - wie auf dem Gemälde eines anonymen italienischen Malers - nicht behagt, dem bleibt ja noch die Musik.
Neu sind diese Aufnahmen des Ensembles Clément Janequin nicht, sie waren, in weniger opulenter Aufmachung, 2001 schon einmal im Handel. Aber sie haben nichts an Originalität eingebüßt.

Die erste der beiden CDs schöpft unter dem Titel "Une fête chez Rabelais", "Ein Fest zu Rabelais' Zeit", aus dem schier unendlichen Repertoire an Komponisten und Liedern, die der Renaissance-Dichter François Rabelais in seinem parodistischen Romanzyklus "Pantagruel und Gargantua" erwähnt; die meisten dieser Kompositionen kreisen um das allgegenwärtige Thema Liebe. Die zweite, "Les Plaisirs du palais" - mit dem doppeldeutigen Sinn von "palais" als "Palast" und "Gaumen" -, versammelt Trinklieder, besser gesagt: Fress- und Sauflieder. Neben berühmten Komponisten wie dem Übervater Josquin Desprez, Clemens non Papa und Nicolas Gombert sind auch völlig unbekannte, vor allem aus dem niederländischen Raum, vertreten. Das musikalische Spektrum reicht von innig-schlichten bis zu effektvoll dramatischen und äußerst frivolen Chansons. Und das Ensemble Clément Janequin, seit seiner Gründung vor 30 Jahren hauptsächlich auf französische Renaissance spezialisiert, deckt souverän die ganze Palette des musikalischen Ausdrucks ab. Die charakteristische Countertenor-Stimme des Leiters Dominique Visse - einer der originellsten Köpfe der Zunft, (nicht nur wegen seiner koboldhaften Wuschelfrisur) - prägt den Klang des Ensembles. Duftig leicht und mit betörender Klangschönheit interpretieren die Janequinisten die idyllischen Lieder etwa des Niederländers Benoît Appenzeller; so richtig in ihrem Element sind sie aber in den derben Chansons, in denen sie mit hörbarer Lust schreien, bellen, blöken, quäken. Und wenn man als Hörer dann gemeinsam mit den Musikern etwa Gomberts turbulente "Hasenjagd" überstanden hat, stellt sich vielleicht doch noch Appetit ein auf katalanisches Rebhuhn oder den Hecht nach polnischer Art ein.

Eva Blaskewitz

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