Vokaler Lockduft

Die Leontyne Price Collection

Der bekannteste Titel aus der "Ägyptischen Helena" von Richard Strauss ist die Erwachens-Szene der Titelheldin ("Zweite Brautnacht"), seit der frühesten Einspielung durch Rose Pauly gleichwohl selten aufgenommen. Die amerikanische Sopranistin Leontyne Price setzte sich allerdings mehrfach für dieses klangtrunkene Stück ein, erstmals 1959  bei einem BBC-Konzert unter Peter Hermann Adler, leider nur auf Youtube zu hören. Weitere Aufzeichnungen: München 1968 und San Francisco 1978 (ebenfalls unter Adler) sowie Boston 1981 (unter Seiji Ozawa) und New York (1991 unter James Levine - diese Veranstaltung wurde übrigens von Beverly Sills moderiert). Schließlich gibt es noch eine "offizielle" Plattenaufnahme von 1965 unter Erich Leinsdorf (der die Sängerin auch bei einem weiteren Strauss-Recital betreute), jetzt wiederveröffentlicht im Rahmen einer "Complete Collection" mit den Kassetten "Operatic Recitals" und "Song and Spiritual", welche liebevoll die alten Plattencovers abbilden.

Während Leontyne Price bei der BBC die "Zweite Brautnacht" mit einem noch silbrig hellen Sopran und ganz weitem Atem zum Besten gibt, ist ihre Stimme 1991 dunkel geworden, und es werden (die Künstlerin war damals 64) Phrasen von kleineren Atempausen unterbrochen. Und doch (auch wegen der nach wie vor phänomenalen Höhe): welch grandioses Erlebnis! Noch zehn Jahre später trat die Sopranistin bei einer Richard-Tucker-Gala auf und begeisterte mit einem volltönenden, makellos intonierten Song ("From the mountain").
So wie es Leontyne Price gelang, dem natürlichen Alterungsprozess zu trotzen, so widersetzte sie sich auch der Festlegung auf Rollenfächer und Genres. Zwar wurde sie vor allem als Verdi-Interpretin bewundert (mit "Aida" verabschiedete sich 1986 an der Met von der Bühne), doch die Sony/RCA-Edition enthält ein ausgesprochen weitgestecktes Programm. Es erstreckt sich von Purcell bis Puccini, Brahms bis Barber, Mozart bis Massenet. Dazu singt Leontyne Price in mehreren Sprachen, sogar auf Russisch (Tatjana) und Tschechisch (Rusalka).

Bei solcher Vielseitigkeit ist es nur logisch, dass sich nicht alle Interpretationen auf gleicher Höhe bewegen, obwohl bei "Prima Donna Vol. 3" gerade das Nacheinander von Périchole (Offenbach) und Sieglinde (Wagner) nachweist, wie wandelbar und stilsicher sich Leontyne Price auf einen Kompositionsstil, eine Rolle einzustellen versteht. Es liegt also wohl vor allem daran, ob man das Seziermesser zu zücken beliebt wie Jürgen Kesting in seinem bekannten Sängerlexikon (der jetzige Booklettext ist entschieden galanter) oder nicht auch - von der Stimme überwältigt - gewillt ist, auch interpretatorische Annäherungen als höchstrangig gelten zu lassen. Nun gibt freilich auch der gestrenge Kritiker in Sachen Gesangskunst zu, dass er sich vom "sexuellen Lockduft" des Price-Soprans (Formulierung von Jens Malte Fischer in "Große Stimmen") mitunter überschwemmt fühlt. Der expansive Sopran von Leontyne Price verfügt zum einen über eine rauchige Mittellage, welche Herbert von Karajan fraglos dazu bewog, die Künstlerin für die Titelpartie seiner Wiener "Carmen"-Aufnahme zu engagieren. Dann gibt es die leichte, fast schon astrale Höhe, welche der Stimme bei aller Ausladung stets etwas Mädchenhaftes bewahrt, so dass auch die Porträts einer Pamina oder Gilda hohe Glaubwürdigkeit besitzen. Im Übrigen vermag Leontyne Price, die sicher keine genuine Bühnendarstellerin war und selbst auf dem Konzertpodium ziemlich statisch wirkte, ihren Sopran kunstvoll zu färben, einzudunkeln oder aufzuhellen, wie es der Charakter der jeweiligen Partie erfordert. Auf ihrer ersten "Prima Donna"-Platte wird das bei der Arienfolge aus "Dido and Aeneas" und "Nozze di Figaro" besonders evident.

Früh hat sich Leontyne Price dem Liedgesang zugewandt. Ein Recital von 1959 (Fauré, Poulenc, Strauss, Wolf) wirkt noch nicht ganz ausgereift, aber zehn Jahre später macht sie mit Schumanns "Frauenliebe und -leben" (und weiteren Piècen aus seiner Feder) enormen Eindruck, was den Ausdruck betrifft wie auch wegen der nahezu perfekten Beherrschung des Deutschen. Immer wieder hat sich Leontyne Price für Samuel Barber engagiert, u.a. mit der Uraufführung von "Antony and Cleopatra" bei der Eröffnung der neuen Met (1966). Mit dem Komponisten als Klavierbegleiter entstand auch die überhaupt erste offizielle Einspielung von Leontyne Price ("Hermit Songs", 1954). Ein Querschnitt aus "Porgy and Bess" (1963) erinnert freilich beiläufig daran, dass mittlerweile ein noch früheres Dokument aufgetaucht ist, nämlich das komplette Gershwin-Werk als Aufzeichnung einer amerikanischen Touring-Produktion, die 1952 auch im Berliner Titania-Palast gastierte (veröffentlicht vom Label "audite"). Der Partner von Leontyne Price’s Bess ist in beiden Fällen William Warfield, später zeitweilig ihr Ehemann. Bei dieser "Negeroper" fungierten die Mitwirkenden in Sonderheit als exotische Exportartikel. Leontyne Price hat Wesentliches dazu beigetragen, dass die Ablehnung farbiger Sänger auf dem "klassischen" Podium in späteren Jahren ein Ende fand (begonnen hatte diese Entwicklung bei Marian Anderson). Ihre "schwarze" Identität stellte die Sängerin mit Stolz (und Erfolg) immer wieder heraus. Mit Spirituals u.ä. enthält die Sony/RCA-Edition ein reiches Angebot an "native songs".
Dennoch gilt Leontyne Price vor allem als eine Königin im Opern-Olymp und thront dort - kurz nach ihrem 85. Geburtstag - als eine seiner schönsten Legenden.

Christoph Zimmermann

Leontyne Price. The Complete Collection of Operatic, Song an Spiritual Albums
Sony/RCA 8869 7940 502/512 (12+14 CDs)