Frank Castorf inszeniert Wolfgang Rihms "Lenz" bei den Wiener Festwochen
(Wien, 17. Mai 2008) Es gibt wenige zeitgenössische Opern, die auch nach der Uraufführung noch Furore machen, so wie es kaum dramatische Talente unter den heutigen Komponisten von Opern gibt, die derlei Werke schreiben können. Dabei ist der Stoff der Oper, die am Samstag im Wiener Museumsquartier Premiere hatte, alles andere als im engeren Sinn dramatisch. Es geht um innere Vorgänge, um böse Visionen, Seelenmalerei.
Wolfgang Rihms 1979 in Hamburg uraufgeführte Kammeroper "Lenz" erzählt die Geschichte vom bitteren Ende eines Außenseiters. "Er spritzt so viel Genie um sich, daß sich ihm niemand nähern kann, ohne sich die Kleider zu verderben", hat ein Zeitgenosse über ihn gesagt. Der Dichter Jakob Lenz (ein Zeitgenosse Goethes, der heute vergessen wäre, hätte es nicht Büchner, Brecht und einen Komponisten namens Zimmermann gegeben, der sein Drama "Die Soldaten" vertonte) irrt - von Stimmen und bösen Visionen verfolgt - durchs deutsche Gebirge. Seine geliebte Friederike Brion ist endgültig verloren. Das ist der letzte Schicksalsschlag, der den an den "Verhältnissen" Leidenden in Umnachtung stürzt. Von seinen Erscheinungen getrieben, verwechselt er ein totes Mädchen mit Friederike, will es zum Leben erwecken und wird ? da ihm das logischerwiese mißlingt - endgültig wahnsinnig. Seine letzten wohlmeinenden Freunde, der Pfarrer Oberlin und der Philoantrop Kaufmann geben ihn auf, als ihr Versuch scheitert, ihn durch Katholenkreuz und psychologische Gewalt in die bürgerliche Normalität zurückzuzwingen.
So schildert Georg Büchner in seiner packenden "Lenz"-Erzählung das Ende des Dichters, den er so gut verstand, weil auch er die getretenen, leidenden Unteren, die Woyzecks und die vielen namenlos Getretenen, ins Zentrum seiner Poesie zu stellen gedachte.
Diese Geschichte hat Wolfgang Rihm zu seiner 1977/78 komponierten Kammeroper inspiriert, die mehr Schilderung von Gemütszuständen als Handlung kennt. Und in der neuen Wiener Festwochen-Inszenierung der Oper ist Lenzens umherirrender Geist auf Frank Castorf übergesprungen. Herausgekommen ist dabei Castorfs vielleicht beste und dichteste Theaterinszenierung seit langem. Das mag auch daran liegen, daß er selten Opern inszeniert, eine Gattung, die ihm am Ende keine Frist zur Stückverlängerung läßt.
Von der ersten Minute an mitreissend, zieht die bekannte ästhetische Handschrift des Regisseurs die Hieroglyphen nach, von denen Lenz phantasiert - auf einer weiten lapidaren Bühne, mit heutigen Kostümen und der diesmal sehr konzis eingesetzten voyeuristischen Live-Kamera. Die Naturelemente, die beim Dichter des Sturm und Drang, so präsent sind, werden zu Bau- und Müllcontainern verdichtet. Die Stimmen changieren zwischen bedrohlichen Märchenfiguren, die dem Kasperltheater entsprungen scheinen, und lapidar aus dem Dunklen agierenden Menschenkonglomerationen. Und zwischendrin sind gesprochene "Büchner-Interruptionen" eingeschoben, die das Stück noch näher ans Publikum rücken.
Rihms Musik, die vom ersten kratzig angeschlagenen (und im Stück trotz aller fast volkstonalen Kontrapunkte als persistente Tonfolge allgegenwärtigen) h-f-ges-Akkord an den Hörer gefangennimmt, wird von den elf Musikern des Klangforum Wien unter Stefan Asbury zu gewaltigen Eruptionen gesteigert und nicht nur spannungsvoll, sondern auch ungemein farbig ausgebreitet. Im Zentrum des Ganzen aber steht der phantastische Georg Nigl als Lenz, der seiner Kehle scheinbar ohne Mühe die akrobatischesten Stimmlagennuancen zu entlocken vermag. Nigl, der über die neue Musik abseits der "großen" Theater Karriere gemacht hat, ist inzwischen ein richtiger Star in der Szene geworden. Seine beinahe beängstigende Intensität wird sekundiert vom immer für alternative Projekte offenen Staatsopernbaß Wolfgang Bankl als Pfarrer Oberlin und Volker Vogel als Kaufmann. Dass der Text zur Musik mitlesbar ist, erweist sich wie immer in der Oper als hilfreich.
Wenn man den Inhalt und das Umfeld der Oper zu Ende denkt, kommt man auf ziemlich aktuelle Themen: Der sicher bestallte Geheimrat Goethe hat den undiplomatischen Wahrheitsfanatiker Lenz kalt im Stich gelassen. Das Ende der Geschichte der Teilung der Gesellschaft in abgesicherte "Systemanalytiker" und marginalisierte künstlerische Hungerlöhner, in Beamte und Kopf- und Handproletarier, wird in "Lenz" vorgeführt. Rihm dachte bei der Komposition noch an den unangepaßten schöpferischen Menschen. Heute sind wir einen Schritt weiter: Es muß sich jeder nur noch überlegen, welcher Sproße der sozialen Stufenleiter er zugezählt wird - und wie schnell das in psychischen und materiellen Nöten enden kann.
Anton Sailer
Weitere Aufführungen bis zum 22. Mai.
www.festwochen.at