Lebensfreude im Berner Oberland

Leif Ove Andsnes Foto: EMI

Start des 52. Menuhin Festivals Gstaad mit Leif Ove Andsnes und dem Norwegischen Kammerorchester

(Saanen, im Juli 2008) Man kann ihn verstehen: Yehudi Menuhin, der sich vor über einem halben Jahrhundert hier oben niederließ zur Sommerfrische. Und zum Musizieren "unter Freunden in entspannter Atmosphäre". Ein Zitat, dessen sich die Verantwortlichen des Festivals heute noch bedienen. Genauso, wie sie den Namen Menuhins in den Titel gesetzt haben - für nicht wenig Geld, wie man vernimmt. Wie dem auch sei... Der Weg, der sich vom Thunersee nach Süden hochwindet durchsticht enge Felsen und ist lang und kurvenreich. Doch der Gast, musiziert er nun oder nicht, wird am Ziel reichlich belohnt. Gstaad liegt in einem weiten grünen Hochtal; am Horizont erheben sich schneebedeckte Berge; die Ruhe umfasst einen sofort. Eine Ruhe, die sich fürs Musikmachen günstig auswirkt. Offensichtlich. Denn "Gstaad" hat - nach dem Festival in Luzern - die längste Tradition als Festivalort in der Schweiz.

Am 25. Juli ging es los, begann das 52. Menuhin Festival Gstaad. Und zwar, wie es Tradition hat, im benachbarten Ort Saanen. Genauer in der barocken Mauritiuskirche von 1604. Das Norwegische Kammerorchester saß auf der Bühne, und von den hinteren Reihen der nicht gerade kleinen Kirche war man sich nicht sicher, ob der Mann am Cembalo etwa "artist in residence" Leif Ove Andsnes sei, oder nicht; Andsnes, der zusammen mit dem ihm eng verbundenen Orchester angekündigt war. Es spielte eine Sinfonie von Haydn. Die Nummer 59 und so genannte "Feuersinfonie". Lebendig durchpulsten die Achtel als zündender Treibstoff den ersten Satz. Kontraste hob das Ensemble unter der Leitung seines Konzertmeisters (der Mann am Cembalo war nicht Andsnes) deutlich und mit viel Spiellust hervor. Eine Spiellust, die im zweiten Teil des Programms auch Jean Baptiste Lullys Suite "Le Bourgeois gentilhomme" prägte. Die Norweger wagten besondere interpretatorische Gesten mit sul ponticello-Spiel, mit dem theatralisch-innovativen Einsatz des Schlagzeugs (bis zum vogelartigen Gegacker) und einer auch sonst Äußerst bunten (Besetzung) Version der bekannten Suite. Auf modernen Instrumenten holten sie das Bestmögliche an Artikulationsfinessen, Farbenpracht und stilistischer "correctness" heraus.

Dies galt auch für Mozarts A-Dur Klavierkonzert KV 488. Andsnes und das Norwegische Kammerorchester waren hier eine Kombination, die man schon auf CD vorweghören konnte. Eine Kombination, die gewinnend ist. Darum, weil zwischen den Partnern ein entspanntes Verhältnis herrscht. Eines, das überdies nicht nur auf Solistenseite von einer hohen Spielkultur geprägt ist. Andsnes' Ton, hell und glitzernd in den Läufen, abgerundet weich in den Akkorden, und seine klassische, weder auf Sturm noch auf Drang ausgerichtete Spielrichtung spiegelten sich im Orchester. Oder war es umgekehrt? Auch hier: feine Motivgestaltung, sofort getroffene Tonlagen, berührende Momente: Ein Mozart in großer Harmonie. Fast ein wenig zu harmonisch - aber das ist Geschmackssache.

Mit Edvard Griegs Suite "Aus Holbergs Zeit" endete dieses Eröffnungskonzert in bester romantischer Emphase. Ein Schwelgen, im Forte wie im Piano, das gleichsam von innen aus dem Orchester heraus entstand: Das gehört zu den Markenzeichen dieses hoffentlich noch weiterhin auf dem "Kontinent" zu hörenden Ensembles.

Andsnes wird sich in den Wochen bis zum Schlusskonzert am 7. September noch dreimal vernehmen lassen. Höhepunkt ist dabei sicher der Liederabend mit Matthias Goerne (2. August). Der seit 2002 amtierende künstlerische Leiter Christoph N. F. Müller führt das Festival auf Erfolgskurs. Das zeigen die Eintrittszahlen, die mit 20'000 über denjenigen liegen, die in den besten Jahrgängen sein Vorgänger, der Festivalgründer Yehudi Menuhin erzielt hatte. (In einem kurzen "Interregnum" Gidon Kremers brachen die Zahlen indes massiv ein.) Das zeigt das Programm, das es schafft, Rücksicht zu nehmen auf ein lokales Publikum (50% der Besucher stammen aus der Region, das heißt aus dem Großraum Bern, Berner Oberland und der benachbarten französischen Schweiz) und das dennoch nicht nur Star an Star reiht. Klar: Es kommt ein Thomas Hampson und eine Cecilia Bartoli; das Russische Nationalorchester (mit Pletnev) und das Londoner Sinfonieorchester (Valery Gergiev) lassen sich die Bergluft ebenfalls nicht entgehen; ebenso tritt eine Riege hervorragender Kammerensembles auf. Aber man gibt in Gstaad auch den Newcomern im Klassikbetrieb Platz und hochinteressanten "Randerscheinungen" wie der Geigerin Patricia Kopatchinskaja oder dem Geiger und Menuhinschüler Volker Biesenbender, der gleich eine ganze Reihe, "Tout le monde du violon" kuratiert.

Gstaad: Alles in allem ein attraktives Programm. Und eine attraktive Region. Es gibt prominentere Festivals in der Schweiz, experimentellere, kleiner-feinere. Gstaad garantiert für hohes Niveau und - nicht nur der wunderbaren Bergregion wegen - ein freudvolles Zuhören. Dort oben drückt man es allerdings etwas nobler auf französisch aus und setzt das gleich als Festivalmotto: "Joie de vivre" herrscht, Lebensfreude. Viel mehr will man eigentlich nicht, oder?

Benjamin Herzog

www.menuhinfestivalgstaad.com