Lear und der Müll

Foto: Barbara Aumüller

Frankfurter Erstaufführung von Aribert Reimanns "Lear" - inszeniert von Keith Warner, dirigiert vom neuen GMD Sebastian Weigle

(Frankfurt, 28. September 2008) Dreißig Jahre hat es gedauert, bis auch Frankfurt den im Münchner Nationaltheater mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle uraufgeführten "Lear" auf die Bühne brachte. Es war die bereits 20. Inszenierung der seit 1978 in ganz Europa zu erlebenden, großartigen Shakespeare-Vertonung Aribert Reimanns, die als eine der ganz wenigen Opern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Weg ins Repertoire fand. Am Ende wurde die zunehmend fesselnde Aufführung und ihr anwesender Komponist mit großem Applaus bedacht.

Das düstere Drama begann als Kammerspiel - in einem kleinen Renaissance-Raum für die Eingangs(Schlüssel-)Szene, in der Lear sein Reich unter den Töchtern Regan, Goneril und Cordelia aufteilen will und die unaufhaltsame Tragödie lostritt: ?Nach den auf einem Rezitationston gesprochenen Sätzen und dem ersten Akkord, auf den Lears mit einem einzigen Wort - 'Schlaf' - antwortet, sind die Figuren gefangen in einem Gitter, aus dem sie bis zum Ende nicht mehr herauskommen, sagte Reimann in einem Podiumsgespräch vor der Aufführung. Und genau das bekommt man in Frankfurt auch zu sehen. Denn am Ende findet im selben Raum, der durch drei Jalousien verschlossen oder geöffnet werden kann, der Mord an Regan und Edmund und der Suizid von Goneril statt, bevor zum bitteren Ende Lear wieder auf seinem alten Thron sitzt - der nun nichts mehr bedeutet - und seine tote Tochter Cordelia beweint, die er ob ihrer vermeintlichen Gefühlskälte einst verstoßen hat.

Im Verlauf des Stücks weitet sich der Raum zum Aufriss einer düsteren Fabrikhalle oder schieben sich zwei Müllberge voller Platiktüten und alter Kleider herein - Sinnbild des Sturms auf der Heide, der in der Natur und im Kopf Lears wütet und schließlich seinen Geist zerrüttet (Bühnenbild: Boris Kudlicka). Nach der Pause allerdings ist die Bühne weitgehend leer und schwarz, ereignet sich die große Simultanszene der Oper unter einem fein stäubenden Regenvorhang, der sich dreht, verkleinert oder vergrößert und beleuchtet wird mit den grünen Schlieren eines geheimnisvoll schillernden Nordlichts, während sich die Figuren wie in Trance bewegen. Hier und in der ungeheuer anrührenden anschließenden Szene des wahnsinnigen Lear und Cordelia hat die Inszenierung Keith Warners denn auch ihre magischsten Momente.

Wolfgang Koch, der bei den letzten Münchner Festspielen als Busonis Doktor Faust brillierte, verkörpert als Lear alle Facetten des altersstarrsinnigen Königs, der erniedrigt, gequält und schließlich zum Sinnbild menschlichen Leids und Leidens wird. Er singt und gestaltet mit ausdrucksstarkem Bariton intensiv bis zur Schmerzgrenze, spielt gar den Wahnsinn mutig realistisch an der Grenze zum Nicht-mehr-Darstellbaren. Neben ihm muss als erster Martin Wölfel genannt werden, der eine kaum zu übertreffende Darstellung des Edgar bietet. Von seinem Halbbruder Edmund (hier kein Monster, sondern eher ein Amok laufender Verlierer mit heldentenoraler Attacke: Frank van Aken) denunziert und von Gloster, seinem Vater, verstoßen, begleitet er diesen, nachdem man diesem die Augen ausgestoßen hat, mit verstellter (Countertenor-)Stimme und bewahrt ihn vor dem Suizid. Außerordentlich präzise, ausdrucksvoll und schön in der hohen Lage singend, setzt Wölfel auch seinen hohen Bariton und eine dunkle Sprechstimme perfekt im Dienst der Rolle ein. Johannes Martin Kränzle vermag als Gloster den aberwitzigen Mut eines Gefangenen, der vor seiner Folterung steht, mit differenzierter Bariton-Gewalt zu gestalten - trotz eigentlich lyrisch gefärbter Stimme. Graham Clarke ist ein geradezu troll-artig absurder Narr, der am Ende des erten Teils unter nervösen Zuckungen sein Leben aushaucht.

Gegen diese auch in den Nebenrollen exzellent besetzte Männer-Riege fallen die Damen etwas ab. Jeanne-Michèle Charbonnet (Goneril) und Caroline Whisnant (Regan) sind mit ihren hochdramatischen Stimmen etwas eindimensional Verkörperungen des Bösen, wie Britta Stallmeister zwar schön, aber mit allzu nazarenischer Süße die sanfte Cordelia singt.

Sebastian Weigle gab als neuer GMD der Frankfurter Oper mit dem Museumsorchster einen bemerkenswerten Einstand. Denn er ließ zwar anfangs bei den wüsten Blechbläser-Clustern oder manch anderen komponierten Reibungen und dem nervösen, vielstimmigen Flirren der Streicher und im Schlagwerk dieser komplexen Partitur die nötige Schärfe und Differenzierung vermissen, aber wie er subtilste Klangfarben im zweiten Teil mit seinem Orchester zauberte, am Ende die große Kantilene der Streicher beim Dialog des wahnsinnigen Lear und seiner einst verstoßenen jüngsten Tochter Cordelia - die melodische Ausformung ihrer von kleinen Sekunden geprägten Zwölfton-Reihe ? expressiv modellierte und dann Lears verzweifelt herausgeschriene Trauer über die erwürgte Tochter in ein komponiertes weißes Rauschen als Symbol des Todes überführte, war von bestürzender Intensität.

Klaus Kalchschmid

Oehms Classics hat die Aufführung mitgeschnitten und veröffentlicht die Doppel-CD im März 2009.
Weitere Aufführungen am 2., 5., 9., 12. und 25. Oktober sowie 2011, nachdem es im Herbst 2010 als Coproduktion mit dem Urauffühungsort Wien (Juni 2010)in Frankfurt die deutsche Erstaufführung von Aribert Reimanns neuer Oper ?Medea" gegeben hat.
www.oper-frankfurt.de