La Fura dels Baus inszeniert "Le Grand Macabre" von György Ligeti am Théatre de la Monnaie Brüssel
(Brüssel, 24. März 2009) Zu Beginn sieht man einen Film auf einer über die ganze Bühnenhöhe und -breite reichenden Leinwand. Eine Frau mit üppigen Körperformen ist gerade dabei, sich auf dem heimischen Sofa zu überfressen. Auf der Burgerschachtel steht Big Mac Abre, dazu gibt es Schokoladennusscreme. Die Fressorgie endet mit einem Kollaps und im nächsten Moment ist die Frau aus dem Film als überlebensgroße, bühnenhohe Pappmaché-Figur auf der Bühne zu sehen, in kauernder Stellung auf dem Boden und nackt.
Die gesamte Oper spielt fortan in, auf, unter und über dieser Figur. Wie in Gullivers Reisen krabbelt das Personal aus Ligetis grotesker Opern-Apokalypse auf dieser Übermutter herum - so als wäre die Apokalypse ins Große dimensioniert nur das, was sich in unserem Innenleben abspielt, wenn wir uns überfressen haben: ein großer Aufruhr im Gedärm des Universums.
Ligetis Anti-Oper, wie er "Le Grand Macabre" selbst nannte, ist trotz vieler Anspielungen auf Machthaber und Macht, auf Volk und Unfreiheit vor allem ein grotesk-surreales Spiel mit den weiter nicht erklärten Abgründen des Menschen, seinen Ängsten und Untergangsvisionen.
Entsprechend spielt die Oper auch in "Breughelland", und nimmt damit auf den großen flämischen Maler-Apokalyptiker Peter Breughel Bezug, dessen Weltuntergangsvisionen die Inspiration für den flämischen Dichter Michel de Ghelderorde bildeten, der wiederum die Vorlage für Ligetis Oper schuf.
Mit einem wahrhaft kongenialen Bühnenzauber widmet sich die katalanische Anarchotheatertruppe La Fura dels Baus diesem Opernungetüm und bringt es ohne allzu direkte Konkretionen als überbordendes Phantasiespektakel auf die Bühne (als Koproduktion mit der Oper Barcelona, der ENO und der römischen Oper). Der gigantische Bühnenfrauenkörper lässt sich an beinahe allen Stellen öffnen und zur Spielfläche umgestalten, und er dient außerdem als Fläche für die abenteuerlichsten Projektionen.
Auch Sänger und Musiker fiebern mit Feuereifer in diesem absurden Theater vom Ende der Zeit dem apokalyptischen Fanal entgegen, das dann doch nicht kommt. Der noch junge Dirigent Leo Hussain lässt mit phantastischer Präzision und enormer Vielgestaltigkeit musizieren und verhilft somit auch den vielen musikalischen Schönheiten in dieser überbordenden Partitur zu ihrem Recht. Auch die Sängerbesetzung ist exquisit, stellvertretend für eine hervorragende Ensembleleistung seien Chris Merritt, Frode Olsen und Werner van Mechelsen genannt.
Am Ende sieht man die Frau aus dem Film des Anfangs, wie sich ihre Gesichtszüge entspannen und neues Leben in ihren geschundenen Leib zurückkehrt. Dann zieht sie die Toilettenspülung. Das Leben kann weitergehen.
Robert Jungwirth
www.lamonnaie.be