Altvertraut und neu

Lang Lang Foto: DG

Die Berliner Philharmoniker, Lang Lang und Seiji Ozawa mit Mendelssohn und Bruckner

(Berlin, 30. Januar 2009) So, jetzt ist endgültig bewiesen, was Kenner schon lange ohne nachhaltigen Widerhall in die Welt riefen und was ignorante Musiker und Musikliebhaber selbst im Jubiläumsjahr 2009 noch nicht zuzugeben bereit waren: dass Felix Mendelssohn-Bartholdy keineswegs der harmlos-biedermeierliche Schöntöner ist, als der er gemeinhin dargestellt wird. Nein, Mendelssohn-Bartholdy ist ein Bilderstürmer, ein Klangwände-Erbauer, ein Komponist der aufwallenden Leidenschaften und der großen Gesten. Zumindest in seinem Klavierkonzert g-Moll op. 25, und zumindest, wenn dasselbe von Lang Lang gespielt wird.

In aberwitzigem Tempo, mit Tastenlöwen-Gehabe und berstender Intensität präsentiert der chinesische Star-Pianist den ersten Satz, in dem das Orchester den Solo-Einsatz des Klaviers gleichsam auf rollenden Klangwogen heranträgt; und die Berliner Philharmoniker unter Seiji Ozawa begleiten straff, wenn auch zurückhaltender als es die Partitur unbedingt verlangen würde, in der die beiden Klangkörper als gleichberechtigte Partner auftreten. Das Feuer des Solisten scheint indessen auch das Orchester zu entzünden, und Lang Lang entschwindet für die Dauer des Konzertes in einer anderen Welt: unnahbar, entrückt. Sein ganzer Körper wirkt aufs Äußerste angespannt, die Lippen singen die Melodie mit, der linke Fuß folgt dem Takt, wenn in einer Passage nur eine Hand an den Tasten beschäftigt ist, schwebt die andere gleich einem Papierdrachen in der Luft, als könne keinen Augenblick lang ein Teil dieses Körpers bewegungslos verharren. Im langsamen Mittelsatz dann, in dem Lang Lang sich tief über die Tasten beugt und diese zu hypnotisieren scheint, entfalten sich Momente von betörender Eindringlichkeit, weit entfernt von seelenloser Virtuosität. Und im Finale schließlich blitzt ab und zu ein Lächeln auf, das die kalte Aura des Tasten-Künstlers zum Schmelzen bringt und königliches Amüsement angesichts der sprudelnden, perlenden Brillanz dieser spielfreudigen Musik zu verraten scheint. Der altvertraute Mendelssohn Bartholdy, wie ihn etwa Elisabeth Leonskaja in ihrer einfühlsamen Einspielung des g-Moll-Konzertes zum Leben erweckt hat, ist hier kaum zu entdecken; andererseits: So hat man dieses Repertoire-Stück noch nie gehört.

Und auch wenn man den Eindruck hatte, dass der mittlerweile 73-jährige Seiji Ozawa bei diesem eigenwilligen Zugang zu Mendelssohn nachsichtig auf den jungen Kollegen am Klavier eingegangen ist: In Bruckners 1. Sinfonie, im zweiten Teil des Abends, zeigte er einen ähnlich stürmischen Gestus. Das Stück - das die Berliner Philharmoniker übrigens dem informativen Programmheft (geschrieben von Helge Grünewald) zufolge vor 25 Jahren (!), 1984, zum letzten Mal gespielt haben - war in seiner ursprünglichen, der so genannten Linzer Fassung aus dem Jahre 1866 zu hören, die zerklüfteter, rauer ist als die Wiener von 1890/91. Ozawa, der zeitlos-geheimnisvolle Magier am Dirigentenpult, betonte die schroffen Kontraste, die naturgewaltigen Ausbrüche, die dunkel glühenden Ruhepunkte und die Überraschungseffekte dieses Brucknerschen Frühchens (der Komponist war gerade mal 41 Jahre alt, als er die Erstfassung vollendete, und noch weit von seinen "Reifewerken" entfernt), ohne sie zu überzeichnen. Auswendig und mit liebevoller Hinwendung zu den Musikern, die er am Ende mit vielfachem Händeschütteln verabschiedete, leitete Ozawa das Orchester durch die Klippen der Partitur - und wurde mit ebenso treuer wie klangmächtiger Gefolgschaft gelohnt.
Insgesamt ein Abend, wie man ihn auch in der Berliner Philharmonie nicht alle Tage erleben kann.

Eva Blaskewitz