Michael Jackson des Klaviers

Lang Lang Foto: DG

Lang Lang zelebriert seinen 30. Geburtstag mit einem Konzertspektakel in der O2-World in Berlin

(Berlin, 16. Juni 2012) "Happy birthday Lang Lang" flimmert es neonblau an den Wänden der Berliner O2-World, und "Welcome to the birthday concert of the year". Wer von den Gästen es trotz exzessiver Werbung nicht wusste, merkt spätestens jetzt: Hier geht es um ein Event der Super-Klasse. Das gewaltige Rund der Arena, in der sich sonst Lady Gaga oder die Eisbären Berlin ein Stelldichein geben, ist in blaues Licht getaucht. Und es herrscht kein heiliger philharmonischer Ernst, sondern fröhliche Stimmung: Halblautes Gemurmel und Gelächter verschmilzt mit dem Surren der Fernsehkameras für die Live-Übertragung und dem Besteck-Klappern in den Premium-Lounges, Tabletts mit Brezeln und Bier in Plastikbechern werden eilig treppauf, treppab getragen.

Das Schleswig-Holstein Festival Orchester unter der Leitung des chinesischstämmigen Dirigenten Jahja Ling macht mit Bernsteins "Candide"-Ouvertüre den schwungvollen Auftakt, bevor der Star die Bühne betritt, mit weit ausholender "Ich liebe euch alle"-Geste. Lang Lang, der Michael Jackson des Klaviers. Tschaikowskys erstes Klavierkonzert liegt auf den Pulten des Orchesters, das Stück, mit dem der Chinese als 17-Jähriger seine internationale Karriere begonnen hat: Damals sprang er in einem Konzert mit dem Chicago Symphony Orchestra und seinem späteren Mentor Christoph Eschenbach für den erkrankten André Watts ein und absolvierte so ein spektakuläres Debüt.

Während auf der Leinwand im Hintergrund psychedelisch bunte Muster aufleuchten, spielt Lang Lang in der O2-Arena so konzentriert und klar, so raffiniert und sensibel, dass man ihm einzelne Schwachstellen leicht verzeiht und sich wieder einmal wundern kann, warum große Teile der deutschsprachigen Musikkritik unermüdlich Kübel der Häme über ihm auskippen. Als – vom Publikum nicht verlangte, aber im Ablauf vorgesehene – Zugabe gibt er eine der Etüden aus Chopins Opus 25: Virtuosenkost der subtilen Art, selbst hier.

Nach der Pause dann der Auftritt von Herbie Hancock. Der Applaus zeigt nur allzu deutlich, für wen die meisten Zuhörer 60 Euro aufwärts ausgegeben haben. Die alte Jazz-Legende und der junge Klassik-Star überbieten sich seit Jahren in Zuneigungs- und Bewunderungsbekundungen und fallen einander auch in der O2-World unablässig um den Hals, auch wenn sie sich musikalisch kaum etwas zu sagen haben. In einem Arrangement von "Tonight" aus der "West Side Story" wollen sie nicht so recht zusammen finden; sehr unterhaltsam, wenn auch nicht der Gipfel der Klavierduo-Kunst, dagegen Gershwins "Rhapsody in Blue": Die haben die beiden seit dem gemeinsamen Auftritt bei der Grammy-Verleihung 2008 schon auf einer internationalen Tournee zum Besten gegeben, das Stück sollte ihnen also vertraut sein. Danach gab's noch zwei nette Zugaben und davor das, was mit großem Pomp als Höhepunkt der Veranstaltung angekündigt war: den gemeinsamen Auftritt mit 50 Kindern an 25 Flügeln, im Halbkreis hinter dem Orchester aufgestellt.

Für die Kinder - zur Hälfte per Video-Wettbewerb international ausgewählt und zur Hälfte aus Berlin und Umgebung stammend - ist es zweifellos ein beeindruckendes Erlebnis. Schwamm drüber, dass der eine oder andere Akkord dissonanter klingt als von Brahms für seinen Fünften Ungarischen Tanz vorgesehen, dass der Schubertsche Militärmarsch etwas etüdenhaft gerät und der Dirigent auf seinem Sockel im Finale von Beethovens Fünfter oft vergeblich wedelt, um den Trupp zusammenzuhalten: Die Video-Leinwände rechts und links der Bühne offenbaren überwiegend glückliche Gesichter und ansteckende Freude. Und das Ganze hat, nicht zu vergessen, einen pädagogischen Wert: Wer von den unter 15-Jährigen hätte schon jemals die Chance, mit einem Dirigenten zu musizieren, sich in eine große Gruppe einzufinden und als Teil eines großen Ganzen zu fühlen?

Lang Lang setzt sich seit vielen Jahren für den musikalischen Nachwuchs ein, das kann man ihm nicht absprechen. Und sein Dank an die "beautiful children" am Ende des Konzertes wirkt durchaus herzlich, ebenso wie der Dank an seine Eltern und den veranstaltenden Kommunikationskonzern, dessen "Markenbotschafter" Lang Lang ist.
Den letzten musikalischen Beitrag des Abends liefert das Publikum: ein vieltausendstimmiges "Happy Birthday", mit Begeisterung vorgetragen und unbekümmert um den geplanten Ablauf und den Einsatz des Dirigenten, der die einmal losgelassene Menge nicht mehr zum Schweigen bringen kann. Aber was soll’s, dies ist eine Geburtstagsparty - bei der Gastgeber und Gäste sich offenbar prächtig amüsieren.

Katharina Schmidt