Teil I: Beim Sibelius-Festival in Lahti begegnet man nicht nur der Musik des finnischen Nationalkomponisten. Man bekommt auch Lust, sein Land kennen zu lernen.
"Wir wollen für Sibelius das sein, was Bayreuth für Wagner ist", sagt Teemu Kirjonen auf der Fahrt von Lahti nach Ainola. Kirjonen ist Geschäftsführer der "Sinfonia Lahti". Lahti, das ist eine Stadt mit 100.000 Einwohnern im südlichen Finnland, 100 Kilometer nördlich von Helsinki. Und es gibt hier genug Musikbegeisterte, die den Unterhalt eines Sinfonieorchesters wert machen. Deshalb veranstaltet die "Sinfonia" seit dem Jahr 2000 neben ihrer Konzertsaison jährlich das "Sibelius Festival". Es sind nur vier Tage an einem Wochenende im September. Aber immerhin ein eigenes Festival zu Ehren von Jean Sibelius. Der hatte zwar nur einmal kurz in Lahti vorbeigeschaut, auf der Durchreise. Aber sein Geist als wichtigster Komponist Finnlands hat überall im Land seine Heimat. Außerdem liegt Lahti nur 50 km nördlich von Ainola.

Ainola, das war der Landsitz von Jean Sibelius. Er verbrachte dort mehr als 50 Jahre seines Lebens und starb auch dort. Heute ist Ainola eine Sibelius-Gedenkstätte. Die Fahrt von Lahti dorthin dauert mit dem Auto knapp eine Stunde. Man kann darüber staunen, wie verhältnismäßig einfach der in seinem Land am meisten bewunderte Komponist klassischer Musik gelebt hat. Obwohl er, wie Teemu Kirjonen nicht ohne eine gewisse Ironie bemerkt, sehr gerne einen aufwändigen Lebensstil pflegte und mehr Ausgaben als Einnahmen hatte. Aber auch das ist wohl relativ in Finnland, einem Land von der Größe und Ausdehnung Deutschlands, in dem nur fünf Millionen Menschen leben. Man kann sich aus dem Weg gehen, man hat Platz, seinen Lebensstil zu pflegen. Da genügt es, ein schönes Grundstück und ein großzügiges Haus aus Holz darauf zu haben.
Und eine Sauna, natürlich. Wie es sich gehört, hatte Sibelius ein eigenes Haus für die Sauna, gleich mit mehreren Räumen. Bis zu drei Stunden pflegte er dort für einen Saunagang zuzubringen. Auch im Sommer. Sibelius hörte im Alter von nicht ganz 60 Jahren auf zu komponieren. Recht früh für einen Komponisten. Hin und wieder schrieb er noch Klaviermusik. Seine Hauptbeschäftigung jedoch galt seinem Haus und seinem Grundstück. Im Flur hängen im Rahmen zwei Diplome. Sie gelten nicht der Musik. Sibelius' Frau Aino erhielt sie für die besondere Qualität der Äpfel, die sie in ihrem Garten produzierte.

Die Natur spielt eine große Rolle in Finnland. 60 Prozent des Landes sind von Wald bedeckt. Früher lebte Lahti von der Holzverarbeitung. Ein großer Teil der finnischen Möbelindustrie war in dem Ort am "Vesijärvi", dem "Wassersee", angesiedelt, bevor in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der wirtschaftliche Einbruch kam. Dann setzte in ganz Finnland ein Umdenken ein: Aus der Holz- und Landwirtschaft wurde Elektronik und Dienstleistung. "Nokia" war ursprünglich ein holzverarbeitendes Unternehmen. In Lahti, was ganz schlicht "Bucht" bedeutet, wandte man sich der Kultur zu: Die Fabriken am Seeufer wurden geschlossen. In ihren Gebäuden, auf ihren Grundstücken entstanden Wohnungen, Büros, Restaurants und: die "Sibelius-Halle", ein Konzertsaal zu Ehren des verehrten Komponisten. Und zu Ehren der Musik. Akustisch geplant wurde er vom berühmten New Yorker Akustiker Russell Johnson, der auch für die ausgezeichnete Akustik des Luzerner Konzertsaals im "KKL" verantwortlich zeichnet.

"Zuerst kam das akustische Konzept, dann der Entwurf der Architekten", beschreibt Kirjonen den Bauprozess. Um die Tradition des Standortes zu würdigen, wurde viel Holz verwendet für den Bau der Sibelius-Halle. Aus Holz - mit einer Glasfassade davor - sind die Außenwände; auf Holzsäulen ruht die Decke der Pausenhalle. Sie wird "Waldsaal" genannt und gewährt einen spektakulären Blick auf den "Wassersee", der mit dem perfekt zu beobachtenden Sonnenuntergang noch einen weiteren Höhepunkt erhält. Der 2000 fertig gestellte Konzertsaal wirkt wie das Wahrzeichen der Stadt. Wären da nicht die drei Skisprungschanzen, die ein Stücken weiter westlich von der Sibelius-Halle in den Himmel ragen. Hier haben schon zahlreiche Weltmeisterschaften stattgefunden. Direkt daneben liegt das Ski-Museum. "Lahti ist eigentlich eine Stadt des Sports", sagt Teemu Kirjonen. "Wir sind einer der wenigen Orte der Welt, an denen man direkt in der Stadt Skispringen kann".

Die Sibelius-Halle ist die Heimat des Lahti Symphony Orchestra. Und Sibelius, die Halle und das Orchester geben in der Kombination den Grund dafür, im Herbst nach Lahti zu fahren, Dann veranstaltet das Orchester in "seiner" Halle ein Festival zu Ehren von Jean Sibelius. Und macht Lahti zum Bayreuth des finnischen Nationalkomponisten. Allerdings, wie man es von einem skandinavischen Land erwartet, ohne Intrigen und Brimborium. Statt dessen mit Freude und Natürlichkeit. Es erwarten den Besucher nicht nur Konzerte und Musik. Die herbstlichen Tage zur Festivalzeit 2008, der neunten Saison des Festivals, waren mild und luden zum Aufenthalt im Freien ein. Es ist eine gute Idee, sich ein Auto zu mieten und in die Umgebung zu fahren. Zu anderen Orten der weitläufigen Seenlandschaft oder in das nahegelegene Hollola, einem idyllischen Ort mit mustergültiger finnischer Architektur. Sibelius verführt hier nicht nur zu seiner Musik, sondern auch zu den Reizen seiner Heimat.
Laszlo Molnar
[Weiterer Beitrag zum Thema]
[Zum Programm des Sibelius-Festivals 2009]
