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Sex, Gewalt und Schostakowitsch

Die Amsterdamer "Lady Macbeth von Mzensk" mit Mariss Jansons und Martin Kusej auf DVD

Katerina wohnt in einem durchsichtigen Glaskasten. Von echten Schäferhunden bewacht lebt sie zwischen Unmengen von Schuhen in Luxuslangeweile. Ein Bretterverschlag begrenzt den Raum, durch seine Ritzen flackern manchmal Lichter. Er bietet nur eine trügerische Sicherheit, der Chor - das Volk, die Polizei - marschiert jederzeit mühelos in Katerinas Intimsphäre.

Dmitri Schostakowitschs zweite Oper hat eine abenteuerliche Geschichte. Der Komponist erzählt von einer Frau, die in tiefster russischer Provinz lebt und sich mit einem Leben ohne Herausforderungen nicht abfinden kann. Sie ist die einzige menschliche Figur des Stückes, die Männer zeichnet Schostakowitsch als impotente Maulhelden, Säufer, Heuchler und korrupte Polizeibeamte. Die Oper war zunächst ein großer Erfolg. Nach der Uraufführung 1934 in Leningrad gab es dort 83 weitere Vorstellungen und in Moskau fast hundert. Außerdem wurde "Lady Macbeth von Mzensk" im Ausland gezeigt. Doch dann besuchte Stalin eine Aufführung und verließ in der Pause wütend das Theater. Das Stück wurde sofort abgesetzt, in der Prawda erschien zwei Tage später ein scharfer Verriss. Schostakowitsch fühlte sich plötzlich wie ein Geächteter, nicht einmal seine Freunde wollten noch etwas mit ihm zu tun haben. Erst nach Stalins Tod kam die Oper in der Sowjetunion wieder auf die Spielpläne, allerdings in einer entschärften Form.

Die Urfassung, die sich heute wieder durchgesetzt hat, ist immer noch eine Herausforderung für das Musiktheater. Kaum eine Oper handelt so direkt von Sex und brutaler Gewalt. Auf der bei opus arte erschienenen Doppel-DVD findet sich auch eine einstündige Dokumentation, in der Regisseur Martin Kusej sein Konzept erläutert.

Wenn der Arbeiter Sergej die in einer unglücklichen Ehe verkümmernde Katerina verführt, ist das fast eine Vergewaltigung. Auch die Morde, mit denen die beiden ihre Liebe verteidigen, zeigt Regisseur Martin Kusej hart und realistisch. Katerinas Ehemann wird sogar in der von Erde bedeckten Bühne eingegraben. Dann erscheinen Katerina die Geister der Ermordeten, und Bühnenbildner Martin Zehetgruber entwickelt Bilder beklemmenden Psychohorrors. Einige nackte Männerleiber liegen auf dem Boden, in bleichem Dämmerlicht krümmen sie sich, einige schreiten im rechten Winkel - natürlich an Seilen, die man aber kaum sieht – die Wände empor. Immer schneller wechseln von nun an die Szenen, und immer deutlicher rutschen sie in die Welt des Wahns.

Ein großer Teil des Abends wird in Unterwäsche gesungen. Die fast völlige Entkleidung gibt den Menschen etwas Kreatürliches, Verletzliches, Schutzloses. Im Schauspiel ist das nichts Neues, in einer großen Oper war das bisher selten zu sehen. Die Herren des Chores reißen in einer Vergewaltigungsszene der fülligen Sängerin Carole Wilson die Kleider vom Leib, greifen ihr an die nackten Brüste, quälen sie. Im Interview sagt Carole Wilson, sie habe mit den Kollegen in dieser Szene keine Schwierigkeiten gehabt, denn sie seien Gentlemen. Das einzige Problem sei, dass sie manchmal beim Singen Schlamm in den Mund bekommen habe.

Der lettische Stardirigent Mariss Jansons hat in letzter Zeit selten Opern dirigiert. Es ist kein Zufall, dass ihn gerade Schostakowitsch zum Musiktheater zurück zog, denn Jansons hat sämtliche Sinfonien des Russen grandios auf CD eingespielt. Nun dirigiert Jansons die "Lady Macbeth von Mzensk" wild und wahnwitzig, ruppig und romantisch. Schon zur Pause gab es in Amsterdam Bravorufe für das unglaublich gute Orchester des Concertgebouw und seinen ebenso kontrollierten wie temperamentvollen Dirigenten. Auf der DVD sieht man, mit welcher Energie Jansons die Zwischenspiele gestaltet. Auch im Fortissimo findet er feine Klangabstufungen, kein Ton verrutscht, haargenau setzt er die vielen abrupten Brüche von großer Tragik zu operettenhafter Ironie, und alles klingt sinnlich, erotisch, gewalttätig.

Weil Mariss Jansons so eine gewaltige Intensität erreicht, hat die Szene manchmal Mühe, mitzukommen. Die extremen Bilder, die das Orchester auslöst, kann keine Inszenierung übertreffen. Nicht einmal die von Martin Kusej. Deshalb sind ironischerweise die szenischen Höhepunkte – der Beischlaf mit Sergej, die Morde - schwächere Stellen.

Meistens verschmelzen Graben und Bühne zu einer perfekten Einheit, lebendiges Schauspiel verzahnt sich mit der genau gedeuteten Partitur. Man spürt jederzeit, wie liebevoll und genau Mariss Jansons und Martin Kusej zusammen gearbeitet haben. Das Gefangenenlager am Schluss wird zum allgemein gültigen Höllenbild. Katerina wird von ihrem Geliebten verlassen, das ist nach allen Demütigungen die schlimmste. Die Sopranistin Eva-Maria Westbroek singt brennendes Leid mit sehnsuchtsvoller Wärme. Sie verbindet klar und glaubwürdig Triebhaftigkeit mit analytischem Verstand. Mit ihrem Mut zur leidenschaftlichen Hingabe und ihrer wandelbaren Stimme ist sie für die "Lady Macbeth von Mzensk" eine Idealbesetzung.

Bis in die Nebenrollen ist die Aufführung ausgezeichnet besetzt. Christopher Ventris ist ein darstellerisch wie stimmlich stämmiger Sergej, ein zynischer Verführer. Auch Anatoli Kotsjerga als Katerinas lüsterner Schwiegervater Boris hinterlässt einen überwältigenden Eindruck. Die Doppel-DVD bietet neben dem technisch einwandfreien Mitschnitt dieser großartigen Aufführung und der ausführlichen Dokumentation noch einige hübsche Kleinigkeiten. Eine bebilderte Zusammenfassung des Inhalts zum Beispiel, eine Fotogalerie der Sänger und ein reich bebildertes Beiheft.

St. Keim

"Lady Macbeth von Mzensk" von Dmitri Schostakowitsch ist als Doppel-DVD bei opus arte erschienen.

Bestellnummer OA 0965 D

Laufzeit ca. 236 Minuten, Internet: www.opusarte.com oder www.dno.nl