Tante Cassandra und seine Schwester

Foto: Kammeroper München

Die Münchner Kammeroper mit einer quietschbunten Version von Mozarts "La Finta semplice"

(München, 13. Februar 2008) Wenn man heute einen Zwölfjährigen von Computerspielen fernhält, gilt das schon als Erziehungserfolg. Als Mozart zwölf war komponierte er seine zweite Oper. Also Kinder, ran ans Klavier und draufloskomponiert!
Doch selbst Mozart hatte es nicht leicht, für seine "La Finta semplice" ("Die vorgeblich Einfältige") ein Publikum zu finden. Für Wien war sie bestimmt, doch dort bremsten die Altvorderen den Jungstar aus und es wurde nichts mit der Wiener Premiere.

Heute interessiert man sich allenfalls in Mozartjubeljahren der Vollständigkeit halber für dieses Frühwerk, das leichtfüßig und spritzig daherkommt, in jedem Fall über die Maßen erstaunlich für einen Zwölfjährigen, aber nicht wirklich tiefergehend wirkt. Woher auch? Dennoch, die Unruhe des Herzens, das Verlieben und Entlieben, das heimliche Begehren und Verwehren - all die Themen späterer Mozartopern sind hier schon im Ansatz vorhanden, wenngleich aufgelöst in heiterer Buffotändelei.

Eine Ehrenrettung dieser harmlosen Buffa, die auf einer Commedia dell'Arte-Geschichte über zwei frauenfeindliche Junggesellen basiert, die dann doch noch von der Macht des Eros bezwungen werden, gelingt szenisch heute gewiß nicht ohne weiteres - weshalb der findige Regisseur Dominik Wilgenbus die beiden Protagonisten Cassandro und Polidoro kurzerhand in Frauenkleinder steckt und sie statt zu Frauenfeinden zu verqueren Männerfeinden macht. Flugs wird aus Mozarts Buffa ein Käfig voller Narren, die Verwirrung der Gefühle eine Schraube weiter gedreht zur grotesken Travestieshow, die dennoch nicht aus dem Ruder - sprich aus dem Stück läuft. Dafür haben Wilgenbus und die Münchner Kammeroper mittlerweile ein zu sicheres Gespür für die Erfordernisse der guten alten Tante Oper entwickelt. Ihre Opernbearbeitungen sind ein origineller, aber durchaus ernsthafter Versuch, die Stücke gegen den Strich zu bürsten und ihnen so eine neue, mitunter etwas verquere Anmutung zu verpassen, die die Aussage und die Stimmung des Stücks aber beibehält. Und das ist tatsächlich keine kleine Kunst. So geben Oliver Weidinger als biestige Cassandra und Jacques le Roux als trottelig-tuntige Polidora ein zum Schreien komisches Tunten-Tanten-Geschwister-Paar in quietschbunten Barockdirndln ab. Eine nach der anderen erliegt den Versuchungen des jungen Gisberto (stimmlich ansprechend Gudrun Sidonie Otto), der mit allen sein Spiel treibt und als eine Art personifizierter Cupido offenbart, dass selbst hinter der verwittertsten, lustfeindlichsten Fassade noch entflammbares Material zu finden ist. Quod erat demonstrandum. Die Komik der Situationen verstärkt eine jetztzeitige Textversion à la: "Die stolze Amazone interessiert mich nicht die Bohne". Das durchweg gute Sängerensemble wird ergänzt durch Dora Pavlikova als Ninetta, Michael Müller als Fracasso, Linda Sommerhage als Giacinta und David Jerusalem als Siomone.

Robert Ketterer hat eine einfache, schräg nach hinten gedrehte, leicht erhöhte Guckkastenbühne in den Nymphenburger Hubertussaal hineingestellt, die eine neutrale, durch die kunstvolle Beleuchtung von Benjamin Schmid aber ungemein stimmungs- und wirkungsvolle Spielfläche bietet.
Die Musiker des Miniorchesters tummeln sich davor zwar etwas beengt, spielen gleichwohl mit Lust und Leidenschaft und leicht verfremdetem Sound (das Akkordeon ist auch hier wieder mit von der Partie) unter der versierten Leitung von Manfred Hermann Lehner. Das Arrangement der Partitur stammt von Alexander Krampe.

Zweifelsohne ist Münchens erstaunlicher kleiner Opernbühne mit dieser "Finta semplice" ein coup de theatre gelungen, der das Zeug zur Kultaufführung hat.

Robert Jungwirth

Informationen und Karten unter: www.kammeroper-muenchen.com