Geisterhand, Tumult und stilles Leiden in der Einweginszenierung von Puccinis "La Bohéme" bei den Salzburger Festspielen. Daniele Gatti dirigiert die Wiener Philharmonikern, Regie führt Damiano Michieletto und Anna Netrebko singt die kiffende Mimi, an der Seite von Piotr Beczala als Rodolfo.
(Salzburg, 1. August 2012) Gebührt Salzburg das Gelbe vom Ei? Na, selbstverständlich. Das gilt ganz besonders für eine Oper wie Giacomo Puccinis "La bohéme", den ewigen Renner, Augenbefeuchter und Schneuztuchkonsum-Anreger. Die "Bohéme" ist nun einmal nicht nur eine der beliebtesten, sondern auch eine der perfektesten Opern des Repertoires. Und was immer ein Regisseur damit anstellt, wo immer er sie hinstellt und hinverlegt: Am Ende muss er kleinbeigeben und Mimi einsam sterben lassen, zu einer Musik, die so herzzerreissend ist, wie kaum eine andere.
Im Salzburger Programmbuch muss man lange zurückblättern, um auf die Oper zu stoßen - bis ins Jahr 1975, als Karajan sie als Duplikat der äußerst erfolgreichen Zeffirelli-Inszenierung von der Wiener Staatsoper zu den Osterfestspielen holte. In Wien steht sie noch immer auf dem Spielplan, erfreut ist - fast ist man geneigt zu sagen: zu Recht - großer Beliebtheit, ist nicht umzubringen, weil sie stimmig ist und irgendwie so sagenhaft klar im Einklang mit dieser Musik, die von vielen intellektuell gestimmten Hörern so phänomenal unterschätzt wird.
Natürlich umweht die "Bohéme" ein Hauch von Kitsch - darum wird wohl auch in der neuen Salzburger Inszenierung von Zeit zu Zeit symbolisch dezenter Nebel über die Bühne geblasen. Es mag Hollywood für die Ohren sein, aber - wie man zugeben muß, wenn man ehrlich ist - eben gutes Hollywood. Wie immer, wenn sich etwas im Niedergang befindet - in diesem Fall die alte, wohlklingende Gattung der Oper -, stirbt es in Schönheit, und gar nicht nur rückwärtsgewandt. Es ist wie beim "Sailing ship effect": Als die Dampfschiffe aufkamen, wurden viele Erfindungen gemacht, welche die Segelschiffe modernisierten. Um zu erkennen, was Puccini in seine Oper an Innovation heinverpackt hat, muss man nicht unbedingt erst den sehr aufklärenden Artikel im Salzburger Programmheft lesen, auch wenn es sich lohnt, es zu tun. Es genügt, die Ohren aufzusperren und das eigene Emotionsventil zu öffnen, so wie man es ja auch bei Chopin und Tschaikowsky tun muss.
Aber beginnen wir beim Anfang: Die Salzburger "Bohéme" wurde von Damiano Michieletto im Verein mit Paolo Fantin (Bühne) und Carla Teti (Kostüme) in Szene gesetzt, einem der wenigen italienischen Regisseure, die in den letzten Jahren über Italien hinaus Beachtung gefunden haben. Michieletto beherrscht diese unnachahmlich südliche Art, 90 Prozent der Zeit lang auf Personenführung zu pfeifen, aber im entscheidenden Moment die Stimmungslage auf der Bühne so zu verdichteen, dass man davon mitgezogen und berührt wird: Wie sich am Ende der Oper, wenn Mimi gestorben ist, die Freunde Rodolfo zuwenden, das ist ein starkes Bild. Aber dann kommt im letzten Moment der Schlag ins Gesicht: Das Riesenfenster, das den Bühnenhintergrund bildet und von dem man gehofft hat, es bleibe zum Unterschied vom 1. Bild halboffen, geht doch noch zu und eine überdimensionale Geisterhand wischt den Namen "Mimì" weg. Das ist so vorherseh- und durchschaubar banal wie das Ende des Anfangsbildes, in dem sich das nämliche Fenster aus Gründen der Umbauzeit-Ersparnis fürs weihnachtliche Paris öffnet. Auch das war - allerdings ohne die eitle Hoffnung auf Besseres - sozusagen ausweglos vorherbestimmt.
Alles ist Trash auf Erden: Die Künstlerbude des ersten Bildes ist mit allerlei gegenwärtigen Dingen angeramscht, die im letzten Bild tres chic umdrapiert werden. Das zweite - das Quartier Latin-Bild - hat lässigen Pfiff, zeigt statt des realen Paris einen Stadtplan, ist buntfarbig und knallig, und spielt - vielleicht gesellschaftskritisch gemeint - in einem großen Kaufhaus mit putzigen Häusern, auf denen man sitzen kann. (Die Konsumwelt, die sich die Bohémiens nicht leisten können?) Die Militärkapelle wird zur Kaufhausband, der Straßenhändler Parpignol zum fliegenden P-atman. Die Szene hat zumindest einen gewissen Charme. Doch nur bis zum nächsten Bild: einer steil auffahrenden winterlichen Wellen-Autobahn an der Peripherie von Paris mit einem Würstelstand, hinter dem sich das Junkie-Mädchen Mimì Rodolfos Beziehungsprobleme anhören muss.
Wir befinden uns also in der Gegenwart. Schon allein deshalb wird sich diese Inszenierung nicht so lange auf der Bühne halten wie Zeffirellis poetische Bilderwelt. Ist auch gar nicht geplant, weil die Produktion nur heuer im Programm der Salzburger Festspiele bleibt. In gewissem Sinn also eine Gebrauchs-, eine Einweg- und Wegwerfinszenierung mit kurzer Halbwertszeit.
Musikalisch war die Premiere geprägt von hohen Phonzahlen in den ersten beiden Bildern. (Die mögen sitzplatzbedingt variiert haben, dennoch war nicht zu überhören, dass ein Teil der Sänger forcieren mußte.) Nach der Pause ging es deutlich leiser zu. Offenbar hatte Daniele Gatti den Wiener Philharmonikern ins Gewissen geredet, und zum Schluß gelang ihm und den Musikern ein geradezu vorbildliches leises, inniges und ungemein spannendes Musizieren.
Sängerisch stand alles im Zeichen Anna Netrebkos, die ihre Partie als einzige auch an den lauten Orchesterstellen mühelos und mit der gebotenen Differenzierung bewältigte und auch darstellerisch das arme, leidende und kiffende Mädchen aus dem alternativen Milieu mit Leben erfüllte. Piotr Beczala verzichtete ganz auf den tenoralen Strahlemann, rückte die lyrischen Seiten der Partie des Rodolfo ins Zentrum und rettete sich mit großer Intelligenz und schöner Stimme über kleine Schwachstellen im oberen Register hinweg. Auch Nino Machaidze hatte als Musetta leichte Höhenprobleme. Auch sie wurde - wie Rodolfo - an den entscheidenden Stellen zugedeckt vom Orchesterorkan und war im allgemeinen Kuddelmuddel des Bühnentreibens im 2. Bild nicht immer leicht zu orten. Carlo Colombrara gab einen sonoren Colline, die anderen Partien waren achtbar besetzt. Der Wiener Staatsopernchor und die Kinderchöre aus Salzburg gaben dem Quartier Latin-Bild musikalische Grundierung und Aufputz.
Ging in dem 2. Bild alles ein bißchen im Gehopse von Elchen und Weinachtsbären unter, so schlug die Regie zweimal wirklich unerbittlich zu: Einmal im 1. Bild, wo eine Geisterhand am riesengroßen feucht-beschlagenen Fenster den Namen "Mimì" malt und - wie erwähnt - noch einmal zum Schluss, wo sie noch einmal "Mimì" schreiben und dann den Namen auslöschen darf. So plakativ daneben kann Oper gehen, wenn man den Regisseuren (auch diese) freie Hand zum Phantasieren lässt.
Derek Weber