Männer sind Monster

Foto: Innsbrucker Festwochen/ R. Larl

Haydns Oper "L´isola disabitata" bei den Innsbrucker Festwochen

(Innsbruck, 14. August 2009) Nach Salzburg sind die Innsbrucker Festwochen (seit einigen Jahren der nicht mehr ganz so alten Musik) angenehm unmondän. Das Gemeinsame: Wie in den Salzburger Fest­spiel­stätten zollt man heuer auch im Tiroler Landestheater dem Jahrsregenten Joseph Haydn Tribut, und zwar gleich mit zwei szenischen Produktionen: Am 25. August wird der scheidende künst­lerische Leiter der Festwochen, René Jacobs, "Orlando Paladino" dirigieren. Davor stand bei Haydns Lieblingsoper "L´isola disabitata" sein Nachfolger Alessandro De Marchi am Pult und leitete das Ensemble "Academia Montis Regalis" unspektakulär, aber mit großer Umsicht und ebenso großer feinabgestufter dynamischer Klangmischung. Das kleine Originalklang-Orchester hat einen ungemein warmen Ton und versteht sich wunderbar aufs dialogische Musizieren, auch mit den Sängern - ein Glücksfall bei einer Oper, bei der genau das von vornherein in den Noten vorgezeichnet ist.

Während sich die "Orlando"-Oper um verliebte Ritter, ängstliche Helden und hirnlose Krieger aus Ariosts berühmtem und in vielen Opern vertontem "Orlando furioso" dreht, ist die "Azione teatrale" auf der verlassenen Insel auf eine Geschichte konzentriert, in der die aus gekränktem Stolz geborenen Männer-­Bilder einer im Stich gelassenen verbitterten Frau das Thema vorgeben: Constanza, die sich von ihrem frisch vermählten Gernando verlassen glaubt, indoktriniert ihre junge Schwester Silvia in Män­nerfragen. Sie macht ihr weis, dass alle Männer Monster sind, und meisselt diese Wahrheit sogar in einen Stein. Gernando aber ist in Wirklichkeit von Piraten verschleppt worden und kehrt nach vielen Jahren mit seinem Freund Enrico, mit dem zusammen ihm die Flucht gelungen ist, auf die Insel zurück. Silvia verliebt sich in Enrico; auch Constanza und Gernando kriegen sich wieder.
Soweit die - damals schon etwas veraltete - Geschichte des barocken Meisterlibrettisten Pietro Metastasio, die Haydn 1779 für den Fürsten Esterházy vertonte. Der junge deut­sche Opernproduktionsleiter der Festwochen Christoph von Bernuth hat als Regisseur die kurze Oper mit einem prominenten Vorspann versehen, mit Haydns später und meister­licher Kantate "Arianna a Naxos" (in der eine Frau wirklich von ihrem Geliebten, The­seus, verlassen wird). Oliver Helf hat dazu ein ein wunderschönes (und wunderschön einfaches, aber sehr empfindlich auf Lichteinfälle reagierendes) pastell­farben-meliertes Bühnenbild und einfalls­reiche Kostüme geschaffen

Und in der Tat beginnt der Abend gleich recht vielversprechend: Ariadne hebt unsichtbar und voll Anmut (hervorragend: Stella Doufexis) aus dem Dunklen zu singen an, und hat ein Kleid mit riesen­großer, fast bühnenfüllender Schleppe an, mit dem sich gut agieren lässt. Dann folgt die Ouvertüre zur Oper, in der man Bekanntschaft mit Silvia (auch stimmlich jugendlich-quirrlig: Raffaella Milanesi) und einer pantomimischen Figur macht, die sich als das Reh entpuppt, welchem das Mädchen an Freundes statt zärtlich verbunden ist. (Wunderbar, wie Markus Merz diese Figur mit Leben erfüllt.) Der schöne Einfall ist freilich nicht ohne Haken: Denn als Enrico wie ein zweiter Daedalus über eine Mauer auf die Bühne flattert, welche die Abgeschiedenheit der Insel symbolisiert, will er gleich das Reh jagen. Was Silvia nicht daran hindert, sich in den Jagd­mann (Furio Zanasi) zu verlieben, der wie sein Freund Gernando (Jeffrey Francis) auch ein vokales Rauhbein ist.

So wird aus der Idee, einen Ansprechpartner für die Sängerin zu finden - der seine Parallele in einer toten Gernando-Puppe Constanzas hat, die natürlich nach Kräften  gebeutelt wird - irgendwann ein lästiges und störendes lebendiges Requisit. Entsorgt wird es am Schluß, weil Silvia es nicht mehr braucht, indem Enrico es zu ertränken sucht. Da schreitet Silvia ein - um es dann selbst schnöd ins Wasser zu stoßen. Wer braucht schon ein Reh, wenn er ein liebesbereites Rauhbein kriegen kann? Traurig und naß zieht das Tier von dannen. Ein Rauhbild für einen psychischen Prozess, an dessen Anfang es als liebenswertes Projektions- und Kommentarreh die Bühne betreten durfte.

Natürlich könnte man die Geschichte auch als Lehrstück über die alte Frage: Was ist angeboren, was anerzogen lesen. Daraus würde manch heutiger Regisseur eine anti-femini­stische Story machen. Das wollte Christoph von Bernuth gerade nicht. Er sieht die "Verlassene Insel" als gehobenes Unterhaltungstheater, das davor warnen will, die Welt falsch zu interpretieren und sich neuen Erfahrungen zu verweigern. Das gute Ende ist so programmiert. Nur das Reh muss dran glauben, während das Orchester am Ende eine Idee aufgreift, die damals in der Luft lag: In einem großem Concertato finden sich Sänger und Orchester noch einmal zusammen, wobei jeder Person ein obligates Instru­ment zugeordnet ist.

Derek Weber