Simon Rattle dirigierte erstmals eine Neuinszenierung an der Berliner Staatsoper: Emmanuel Chabriers groteske Opéra buffe "L'étoile". Während Chabrier in Frankreich höchste Wertschätzung genießt - Ravel und Debussy z.B. waren voll des Lobs über seine Werke - ist er in Deutschland nur sehr wenig bekannt. Ob diese Produktion daran etwas ändert?
(Berlin, 16. Mai 2010) Emmanuel Chabrier hatte eine Vorliebe für die Musik Richard Wagners und für grotesken Humor. Nach einem Besuch des "Tristan" in München, soll er gesagt haben, Wagner habe ihn getötet. Nachdem er seine Nase in die Werke dieses Giganten gesteckt habe, sei es verrückt, noch an das zu glauben, was er selbst geschrieben habe.
Mit grotesken Werken wie die Opera Bouffe "L'étoile" oder Liedern, die einem rosa Schweinchen oder einem fetten Truthahn gewidmet sind, schrieb sich Chabrier seinen Wagner von der Seele.
Eigentlich handelt die 1877 in Paris uraufgeführte Opera bouffe "L'étoile" vor allem davon, was alles nicht passiert. Eine Exekution findet nicht statt, ein verkleideter König kann nicht unerkannt bleiben, er kann auch nicht die ihm zugedachte Prinzessin heiraten, ein vermeintlicher Todesfall ist doch keiner, der zu erwartende Tod des Königs bleibt aus und ein Thronfolger wird nicht gezeugt. Die Liste liesse sich fortsetzen.
Wie jedes Jahr will König Ouf I. (gesprochen Uff) sein Volk zu seinem Namenstag mit einer öffentlichen Hinrichtung erfreuen. Da es aber gerade keinen Verbrecher im Königreich gibt, mischt sich Ouf inkognito unter sein Volk, um einen Delinquenten zur Majestätsbeleidigung zu provozieren. Doch Ouf hört nur Gutes über sich. Schließich findet er doch noch einen geeigneten Kandidaten. Einer kuriosen Vorhersage seines Hofastronomen Siroco (witzig: Giovanni Furlanetto) zufolge, ist jedoch des Königs Schicksal unausweichlich mit dem des für die Exekution Ausersehenen verknüpft, und so muß nicht nur die Hinrichtung abgeblasen werden, sondern ergeben sich auch noch allerhand weitere absurde Verstrickungen.
Das groteske Spiel um den trotteligen König Ouf - eine Parodie auf die nicht auszurottende Kombination von Macht und Dummheit - erinnert bereits stark an Alfred Jarrys absurdes Theaterstück Ubu Roi, das ja ebenfalls den Sprung auf die Opernbühne geschafft hat. Obwohl der Text von "L'étoile" durchaus zur Groteske tendiert, tut die Musik dies nur in Ausnahmefällen. Meist bleibt sie nur charmant und heiter. Daran ändert auch Simon Rattles sehr punktgenaues Musizieren nichts.
Gewiß, gibt es einige hübsche Gesangsnummern, vor allem für Rattles Ehefrau Magdalena Kozena als Lazuli (stimmlich zunächst etwas angespannt, dann aber mehr und mehr überzeugend) oder Juanita Lascarro als Laoula (mit beweglichem, ansprechendem Sopran). Auch Jean-Paul Fouchécourt in der Titelrolle blieb stimmlich ohne Fehl und Tadel. Aber letztlich fragte man sich am Ende der Veranstaltung, ob dieses Stück wirklich den prominent besetzten Aufwand wert war.
Zumal Dale Duesing, der neben bzw. nach seiner Gesangkarriere auch Regie führt, und seinem Bühnenbildner Boris Kudlicka nicht eben viel eingefallen ist, um der Opéra bouffe doch noch jenen Drive zu verpassen, den die Musik alleine nicht hat. Die Geschichte spielt bei ihnen in einer Art Art-Deco-Hotellobby, in der es recht munter wuselt. Operettenbetriebsamkeit eben, aber komisch ist das eben noch nicht. Es bleibt bei netten Harmlosigkeiten, manchmal auch Peinlichkeiten. So ist diese Aufführung eine leichte, frühlingslüftchenhafte Unterhaltung - mehr nicht.
Robert Jungwirth
Weitere Vorstellungen am 19., 23., 27., 30 Mai.