Kurtág's Ghosts
Musik von György Kurtág versetzt mit Miniaturen von Bach bis Stockhausen
Marino Formenti
Kairos, 2CDs, kairos-music
Marino Formenti ist nicht nur ein exzellenter Pianist, der noch schwierigste zeitgenössische Literatur in reine Musik verwandeln kann - und dafür im Juli bei den Musiktagen Hitzacker den renommierten Belmont-Preis der Forberg-Schneider-Stiftung erhielt, sondern auch ein ebenso neugieriger wie gebildeter Musiker. Nach CDs mit Musik von Lachenmann und einer faszinierenden Collage aus Stücken von Cage, Furrer, Haas, Haubenstock-Ramati, Lucier und Sciarrino hat er mit "Kurtág?s Ghosts" seinen bisher größen Coup gelandet. Denn hier kombiniert er auf zwei CDs (Kairos) eine Vielzahl teils winziger Miniaturen von György Kurtág mit Musik anderer Komponisten, auf die sich der Ungar bezieht oder die vergleichbare Strukturelemente aufweisen.
Oft nimmt man die Übergänge zwischen den nahtlos hintereinander gespielten Stücken, die oft keine halbe Minut dauern, kaum wahr. Das Ergebnis ist ein "stream of consciousness" wie im "Ulysses" von James Joyce: ein stetig im Fluss befindlicher Strom von musikalischen Assoziationen und Verweisen, der vom ersten bis zum letzten Ton fasziniert.
Das Spektrum der Bezüge reicht dabei von Guillaume des Machaut (mit dessen "Loyauté, que point ne delay" die erste CD beginnt) und Purcell (dessen berühmter "Round" die zweite CD eröffnet) über Bach und Scarlatti bis Haydn, Beethoven oder Schubert. Immer wieder taucht Schumann (Davidsbündlertänze oder Kinderszenen) auf; Mussorgsky, später Liszt und Zeitgenossen wie Bartók, Boulez, Messiaen und Ligeti sind ebenfalls vertreten. Vieles hat auch Kurtàg schon als "Hommage à ?" komponiert, so à Bach, Scarlatti, Schubert, Mussorgsky oder Janácek oder als "In memoriam" bezüglich Komponistenkollegen.
Manchmal schweben einzelne Stücke wie Inseln auf hoher See im Meer Kurtàgs, eine Steigerungswelle explodiert nach mehreren Stücken oder die Musik kommt fast ganz zum Stillstand, vor allem gegen Ende. Formenti spielt stets mit einer Klarheit, Helle und Präzision, dass jedes Detail mit unglaublicher Farbigkeit leuchtet.
Klaus Kalchschmid