Pas de Deux mit Katze

Silvia Bertoncelli Foto: Festival

Die Kunstfestspiele Herrenhausen eröffnen mit Cage und einer Pasolini-Adaption

(Herrenhausen, 1.-2. Juni 2012) Das hätte John Cage bestimmt gefallen. Im barocken Schlossgarten von Herrenhausen treffen mehr als ein Dutzend Musiker und Ensembles aufeinander, um seinen "Musicircus" aufzuführen. Mit dabei z.B. das Mandolinen- und Gitarrenorchester Empelde 1927 e.V., der Handglockenchor Hannover oder die Koloratursopranistin Xiao Dan Zeng. Die Stücke, die die insgesamt 14 Musiker und Ensembles spielen/singen sind frei wählbar, nur wann und wie lange sie zu hören sind, ist exakt vorgegeben, d.h. es gibt für jeden Teilnehmer bestimmte Zeitfenster, in denen er aktiv wird. Meist sind mindestens zwei Ensembles gleichzeitig zu hören. Da mischt sich eine Opernarie mit Dudelsackgebläse, Geigentöne mit Mandolinengezirpe oder die Lachperformance eines Experimentalduos mit dem quasi sinfonischen Klang des Glockenorchesters. Cages "Musicircus" von 1967 ist bester Musikanarchismus, der aber nicht ins Chaos führt, sondern - und das ist das Schöne bei Cage - zu gut wahrnehmbaren neuen Hörsituationen und -erfahrungen. Der clowneske Musikphilosoph aus dem Geist des Buddhismus hat es wieder geschafft. Er zauberte den Besuchern dieser sonntagnachmittäglichen Performance im Herrenhauser Schlossgarten ein Lächeln auf die Lippen (jedenfalls den allermeisten), brachte Zuhörer und Musiker gleichermaßen zum glücklichen Schmunzeln, machte sie zu neugierig lauschenden Partnern in einem für alle Beteiligten nicht vorhersehbaren Musik-Projekt. Allein diese kleine Performance im Garten von Schloss Herrenhausen zeigte, wie ungebrochen zeitgemäß Cages musikalische Versuchsanordnungen noch immer sind - und wohl auch immer bleiben werden. 

Am Abend dieses Sonntags war bei den Kunstfestspielen auch noch eines von Cages bedeutendsten Werken zu hören, die Ende der 40er Jahre entstandenen Sonatas and Interludes. In diesem Zyklus aus insgesamt 20 Klavierstücken bündelte Cage seine Erfahrungen mit dem von ihm erfundenden präparierten Klavier, also die Bearbeitung der Seiten mit Gummis und Schrauben, wodurch sich der Klang des Klaviers hin zu einem Schlagzeug oder Marimbaphon verändern lässt. Cage hatte die Idee dazu, weil bei Aufführungen seiner Tanzstücke für Schlagzeug durch seinen Freund, den Tänzer Merce Cunningham, nicht immer ein Schlagzeug vorhanden war und er ein solches mittels Präparation durch ein Klavier ersetzen konnte. Ein Klavier gab es immer irgendwo.

Wie schön, dass dieser phantastische Klavier-Zyklus jetzt in Herrenhausen in einer Tanzversion zu erleben war. Der portugiesische Choreograph Rui Horta hat sie vor kurzem erarbeitet und Mitte Mai in Lissabon unter dem Titel "Danza preparata" uraufgeführt. Die Tänzerin Silvia Bertoncelli ist während des gesamten Zyklus' alleine auf der Bühne, bewegt sich auf einem weißen Quadrat auf einer ansonsten schwarzen Bühne, an deren Rückwand sich ebenfalls ein weißes Quadrat befindet. Rolf Hind am Flügel sitzt unmittelbar neben ihr.

Die Bewegungen der Tänzerin greifen den Charakter der Musik, ihre mitunter fernöstlich anmutenden Klänge mit minimalistischen Bewegungen auf, ohne je doppelnd oder platt zu wirken. Selbst wenn Silvia Bertoncelli um Mikadostäbchen herumtanzt, die sie zuvor geworfen hat und damit auf die Zufallskompositionen Cages anspielt, hat das nichts Triviales, weil Horta es in eine ganz und gar poetische Aura packt - wie Cage. Einmal gibt es sogar einen Pas de Deux mit einer Katze, die die Tänzerin auf dem Arm trägt. Eigentlich bewegt sich nur das Tier zu den Klängen aus dem Flügel, wackelt mit den Ohren als höre es nicht recht oder fuchtelt mit der Tatze und schaut dabei mit großen Augen erstaunt ins Publikum.

Ruhe und Bewegung, Kontemplation und Aktion, Witz und Versenkung halten sich in der Choreographie Rui Hortas ebenso die Waage wie in der Musik Cages. Das innige Miteinander von Bewegung und Klang wird noch gesteigert durch die intensive und einfühlsame Interpretation von Cages Musik durch den auswendig spielenden Rolf Hind. Diese großartige Hommage zu John Cages 100. Geburtstag in diesem Jahr war das Highlight des Eröffnungswochenendes der Herrenhauser Kunstfestspiele. Elisabeth Schweeger hat das Festival in drei Jahren dank ihres untrüglichen Gespürs für interessante künstlerische Projekte und Konstellationen und auch dank ihrer guten Kontakte in Szenen von bildender Kunst bis experimenteller Musik zu einer Marke gemacht. Ganz gezielt setzt sie - obwohl der repräsentative Garten durchaus anderes erwarten ließe - nicht auf Repräsentationskultur. Schweeger nützt den herrlichen Barockgarten nebst den angrenzenden Schlossräumen als offene Spielfläche für die Begegnungen unterschiedlichster Künste, Künstler und Ideen, für das Ausprobieren neuartigen Ausdrucksformen im Wechselspiel der unterschiedlichen Gattungen. Das ist ein wunderbar erfrischender und bereichernder Akzent im oft genug sehr einförmigen Festivalrummel, der sich jeden Sommer landauf breitmacht. Bei Elisabeth Schweeger treffen Cage und Scarlatti aufeinander, Hildegard von Bingen und Harrison Birtwistle, Franz Liszt und Olga Neuwirth - um nur ein paar Beispiele aus dem diesjährigen Programm zu nennen. Es gibt Performances, Gespräche, Konzerte, Musiktheater, Theater, Lesungen usw. usf.

Zur Eröffnung am 1. Juni war die Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Bianca Jagger, angereist, um einen Vortrag über Klimawandel, soziale Ungleichheit und die Bedrohung der Welt durch Atomwaffen zu halten, bzw. sie warnte vor all diesen Gefahren in eher einfachen, aber nichtsdestotrotz wirkungsvollen Worten. (Dass sie Deutschland so überschwenglich für seine Atomwaffenfreiheit lobte, als hätten wir das der Klugheit unserer Regierungen zu verdanken, ließ den Verdacht aufkommen, dass sich Frau Jagger nicht allzu intensiv mit der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert befasst hat.) 

Leider war die Eröffnungspremiere in diesem Jahr nicht ganz so überzeugend wie bei den vorangehenden Festivals in Herrenhausen. Alexander Charims und Michael Rauters (musik-)theatrale Adaption von Pier Paolo Pasolinis Film "Teorema" kam über das Niveau einer Theaterakademievorstellung nicht hinaus, was nicht an den Schauspielern lag. Das Gefangensein einer (groß-)bürgerlichen Familie in gesellschaftlichen Konventionen und Unfreiheiten im Mailand der 60er Jahre, das Pasolini zum Inhalt seines Films machte, haben Charim und Rauters nicht in eine wirklich überzeugende Theaterform überführt und noch weniger haben sie den Konflikt in unsere Zeit übertragen. Die Musik von Monteverdi über Schubert bis Jimmy Hendrix, die vom Solistenensemble Kaleidoskop dazu gespielt wird, hilft der Schwachheit der Adaption leider auch nicht auf - fast möchte man sagen im Gegenteil. Das Unentschiedene, Unausgegorene der Konzeption tritt nur noch deutlicher hervor. Schade, denn Pasolinis Analyse einer von Materialismus und Konsum betäubten und entselbsteten Familie hätte wahrlich genug aktuelle Anknüpfungsmöglichkeiten geboten.

Aber bis zum 17. Juni gibt es ja noch jede Menge spannende und hochklassige Programmpunkte in Herrenhausen, die einen Besuch dieses Festivals in jedem Fall lohnend machen. Nicht zuletzt auch die wunderbaren Klang- und Kunstinstallationen im Park.
Und dann kann man in Hannover ja auch noch die überaus gelungene Bestandsaufnahme aktueller deutscher Kunst "Made in Germany" in drei Museen der Stadt besichtigen.

Robert Jungwirth


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