Krystian Zimerman und das Hagen-Quartett gaben ein fantastisches Konzert mit Janacek, Schumann und Gracyna Bacewicz in Köln
(Köln, 14. Juni 2012) Es gibt Rituale, die einem lieb und wert sind, denen langfristig aber auch etwas Zwanghaftes innewohnen kann. Im Bereich der Musik sind es beispielsweise die Zugaben. Prinzipiell bestätigen sie den Erfolg eines Konzertabends, so bei Grigory Sokolov, der in hierorts mittlerweile erst nach 6 Encores entlassen wird. In den glücklichsten Fällen gewinnen solche Boni eine Qualität, wie bei dem in Köln von Markus Stenz und dem Gürzenich-Orchester gepflegten "3. Akt" (ein zuvor nicht bekannt gemachtes Werk): Reflexion über zuvor Gehörtes, Kommentar bzw. Kontrapunkt. Was aber hätte dem klug komponierten Programm folgen können, welches der wunderbare Pianist Krystian Zimerman und das nicht minder wunderbare Hagen-Quartett in der Philharmonie boten?
Der Abend begann mit dem 1. Klavierquintett von Grazyna Bacewicz aus dem Jahre 1952, welches eine moderne Tonsprache pflegt, aber dennoch emotionalem Ausdruck nachdrücklich verpflichtet bleibt. Das gilt in noch gesteigertem Maße für Leos Janacek, in dessen Streichquartett nach Leo Tolstois Erzählung "Die Kreutzersonate" Herzblut förmlich pulsiert, wenn man die mitunter harschen, ja "zerrissenen" Klangwirkungen als Ausdruck individueller Emotion und als musikalisch vertiefende Übersetzung tschechischer Sprachmelodik zu verstehen bereit ist (bei Janaceks Opern gelingt dies vielleicht etwas leichter).
Schlussendlich Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur opus 44 aus dem "Kammermusikjahr" 1842. Ein Werk von überbordendem romantischem Impetus, durch die zuvor nur selten gewählte Besetzung Klavier/Streichquartett zu einer Klangfülle gesteigert, welche in der akustisch glücklichen Philharmonie eine fast schon großorchestrale Dimension annahm. Was nun hätte, um auf die oben angestellten Überlegungen zurückzukommen, diese Interpretation - voller Grandeur, dabei präzise und locker bis ins letzte Notendetail - noch steigern können? Die Musiker leisteten Verzicht, und so blieb die gewaltige, heftig umjubelte Wiedergabe ungestört im Ohr haften, bei vielen Zuhörern fraglos auch noch lange über den Moment des Realen Erlebens hinaus.
Der Einsatz des gebürtigen Polen Krystian Zimerman für seine Landsmännin Gracyna Bacewicz ist Ehrensache, wohl auch eine Herzensangelegenheit. Zu ihrem 100. Geburtstag (2009) nahm der Pianist nach fünfjähriger Studioabwesenheit die beiden Klavierquintette auf, bei dieser Gelegenheit selbstredend mit polnischen Instrumentalisten (mit der von Grazyna Bacewicz 1960 für den polnischen Rundfunk höchsteigen interpretierten Violinsonate Nr. 2 als Bonus). Seine jetzige, in jeder Hinsicht überlegene Liveinterpretation mit dem Hagen-Quartett dürfte in der stilistischen Gestik von dieser Einspielung nicht grundsätzlich differieren.
Die Hagens (Geschwister Lukas, Veronika und Clemens - ergänzt durch Rainer Schmidt an der 2. Violine) halten sich seit 3 Jahrzehnten an der absoluten Spitze. Beim Hören dieses Ensembles erinnert man sich gerne an das Alban-Berg-Quartett, dessen überlegener Stil, energischer Zugriff und emotionales Durchdringen der Musik diesem Ensemble in vieler Hinsicht gleicht. Das Janacek-Quartett gestalteten die vier so erregend, wie es geschrieben wurde, die Wiedergabe erzeugte regelrecht Gänsehaut. Danach wirkte Schumann fast wie eine Erlösung: klangschwelgerischer Sonnenaufgang nach lastender Düsternis. Welch ein glückhafter Abend!
Christoph Zimmermann