Freiheit mit roten Fingernägeln

Foto: Opéra de Paris

Mit Karol Szymanowskis "Krol Roger" endet die Ära Mortier an der Pariser Oper

(Paris, 18. Juni 2009) Der König hat dem Alten abgeschworen. Der Gesellschaft, der Konvention. Er ist von allem Ballast befreit, als Mensch neu geboren: Ein Ende, das gleichzeitig ein Anfang ist. Das trifft auf den Schluss von Karol Szymanowskis Oper "Krol Roger" zu, wo sich Mariusz Kwiecien in der letzten Arie seiner Titelpartie das Herz aus dem Leibe singt - ein bewegender Moment, der Sieg des reinen Gesangs. Wir hören Töne, die Freiheit verheißen - allein durch sich selbst.

Ein Anfang im Ende, das trifft auch auf Gérard Mortier zu, der nach fünf Jahren (und mit 65 im Pensionsalter) die Direktion der Pariser Opéra national de France abgibt. Mortier, der sich letztes Jahr zusammen mit Nike Wagner erfolglos um die Leitung der Bayreuther Festspiele beworben hatte, wird ab kommender Saison Direktor des Opernhauses Teatro Real in Madrid. Von seinem geplanten Engagement als Chef der New York City Opera sah Mortier aufgrund starker finanzieller Einbussen des Opernhauses ab. Sein Nachfolger an der Opéra, der in Paris geborene Nicolas Joel (56), amtiert bis zur Übernahme der beiden Pariser Häuser als viel inszenierender Operndirektor in Toulouse - international hat Joel bislang eher wenig von sich reden gemacht. Da war Mortier schillernder - auch was den ästhetischen Kurs betraf. Insider vermuten, die Ansprüche der Pariser Oper würden sich künftig eher nach populären Maßstäben richten.

Wenn es auch keine französische Oper ist, mit der sich Mortier jetzt verabschiedet, so hatte er doch mit seinem Lieblingswerk, Olivier Messiaens "Saint Francois d'Assise", zu Beginn seiner Intendanz gleich einen Höhepunkt gesetzt. Die Produktion mit Sylvain Cambreling und Regisseur Stanislas Nordey hat sich in unser Ohr und Auge eingebrannt. Es ist Mortier gelungen, sowohl exzellente Sänger und Dirigenten (nicht nur Cambreling, aber vor allem) an sein Haus zu holen, wie auch spannende Regisseure - das muss kein Widerspruch sein. Man denke an Johan Simons "Fidelio"-Inszenierung mit Texten des Büchner Preisträgers Martin Mosebach (nachzulesen auf KlassikInfo.de), an Dmitri Tcherniakovs knallhartem "Macbeth". Zu Uraufführungen wie Kaija Saariahos Bürgerkriegs-Stück "Adriana Mater", Georg Friedrich Haas' hochsensibler Fosse-Oper "Melancholia" (ebenfalls auf KlassikInfo.de) gesellten sich Experimente, zum Beispiel "Tristan und Isolde" unter den gewaltigen Video-Bildern von Bill Viola (ebenfalls auf KlassikInfo.de). Gelungen ist vieles, aber auch Mortier kann nicht zaubern. Eher schwierig war Michael Hanekes hyperrealistischer "Don Giovanni" (ebenfalls auf KlassikInfo.de), ein Flop die dumpfbackige "Princesse de Bourgogne"-Uraufführung von Mortiers Landsmann Philippe Boesmans.

"Krol Roger" also - zur Abschiedsproduktion eine Rarität. Zufall, dass die 1926 uraufgeführte Oper in der gleichen Saison auch in Bonn und Bregenz gespielt wird. "Krol Roger" zeigt das Haus auf voller Höhe. Unter Kazushi Ono spielt das Orchester klangsüß, farbenreich und dennoch sehr pointiert. Dynamisch ist das Profil klar und deutlich, so holt man die Exotik aus Szymanowskis Partitur, ohne die Sänger je zuzudecken. Die morbide Schwere klingt leicht, die archaisierenden Versatzstücke passen. Wir hören Musik, die rundum überzeugt.

Krzysztof Warlikowski befreit das Szenario von seiner Glaubenskriegs-Thematik, die für Szymanowski ohnehin ein Deckmäntelchen war. Es geht hier nicht ums Christentum am Hof des sizilianischen Königs Roger und den konkurrierenden Dionysos-Kult eines damit missionierenden Hirten. Es stehen sich vielmehr zwei Lebensmodelle gegenüber: hier die (eheliche) Konvention, dort Liebe und (oder: in) Freiheit: für den homosexuellen Szymanowski ein brisantes Thema.

Nicht besonders originell, verkörpert eine Hippie-Figur den Hirten (ein tenoraler Wonneproppen: Eric Cutler). Der schmerbäuchige Typ trägt seinen alternativen Lebensentwurf so lässig mit sich herum, wie seine Fingernägel rot lackiert sind: Genießen ohne Hindernisse. Und ohne Rücksicht. Das bewertet Warlikowski nicht nur positiv.

Wie bereits in seinem "Parsifal" beobachtet ein Kind das mit allerhand rätselhaften Szenen gefüllte Bühnengeschehen rund um einen Swimmingpool (Ausstattung: Malgorzata Szczesniak) - das "Markenzeichen" Warlikowskis suggeriert eine psychologische Ebene ohne sie genauer zu beschreiben. Wie geht's aus? Rogers Gattin Roxana (Olga Pasichnyk) wird im Schwimmbad eine schöne Wasserleiche abgeben, er selbst endet als Fixer. Auch Freiheit will gelernt sein. So das zynische Fazit; und dazu genießt man die schönste Musik. Willkommen in der Oper.
Benjamin Herzog

Die nächste Saison beginnt am 14. September 2009 mit Charles Gounods Oper "Mireille". Die Inszenierung besorgt der neue Chef des Hauses, Nicolas Joel. Die musikalische Leitung hat Marc Minkowsk inne.
www.operadearis.fr 

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