Erfrischend

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert op. 61, Romanzen opp. 40 und 50, Violinkonzert woo 5 (Fragment). Patricia Kopatchinskaja, Violine. Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe

Jedes Mal ist sie wieder spannend: die Tutti-Exposition zu Beethovens Violinkonzert. Auch bei Philippe Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Elysées liegt Spannung in der Luft. Schon ab den ersten vier Paukenvierteln. Und das, obwohl es Herreweghe im Folgenden eher von der melodischen Seite nimmt. Er lässt mehr singen, als dass er formuliert. Gespannt ist das Ohr auch deshalb, weil an diese CD eine Erwartung geknüpft ist: Historisierende Aufführungspraxis trifft auf Geigerin, die in Europas Konzertsälen unter dem Etikett "junge Wilde" auftritt. Vorläufig noch. Die Rede ist von der Wahlschweizerin Patricia Kopatchinskaja.

Beethoven ist ihr erster Versuch auf Darmsaiten. Kopatchinskaja behauptet sich souverän. Und - das ist sofort hörbar - ohne jede Kraft. Die Musik strahlt aus ihr heraus. Die Geigerin singt mit größter Zartheit, getragen von flüssigen Tempi. Eine Solistin, die ätherisch in Höhen entschwebt, das ist für Kopatchinskaja eigentlich untypisch. Scheinbar folgt sie hier dem "unbeschreiblich zarten" Spiel des Geigers, der Beethovens Violinkonzert 1806 aus der Taufe hob: Franz Clement. Temperamentvoll wird es dann doch noch: In der Kadenz, wo sogar plötzlich zwei Sologeigen Tonleitern hoch und nieder rasen Kopatchinskaja im Playback. Ein technischer Trick für die CD, nicht gerade "aufführungspraktisch", und doch... Der Grund für die solistische Duplizität ist die (von vielen Geigern gespielte) Klavierkadenz Beethovens, die auch Kopatchinskaja gewählt hat, der sie sich aber in einer selbst geschriebenen Spezialfassung von zwei Seiten her nähert und somit genauer am Original ist. Mut zur Originalität beweist das und ist zugleich gut recherchiert. Solche Rechercheergebnisse hält die Aufnahme schon vorher bereit: Kopatchinskaja greift auf verschiedene historische Alternativfassungen zurück. Hier eine unbekannte Wendung, dort ein paar Töne anders. Das stellt die Absolutheit des Werkganzen in Frage. Ein kleines Kratzen am großen Komponisten. Erfrischend.

Ist dieser Beethoven so gar nicht "wild", so spiegelt die Aufnahme doch Patricia Kopatchinskajas unbedingte Fähigkeit zu klanglichen und agogischen Feinheiten, zu einem geschmackvollen und zugleich frischen Spiel. Eine Seite, die in der Wahrnehmung dieser in fulminantem Aufstieg begriffenen Solistin nicht unterbelichtet bleiben sollte.

Neben dem Konzert und den Romanzen für Violine und Orchester findet sich auf der CD das Fragment eines frühen, höchstwahrscheinlich noch aus der Bonner Zeit stammenden Violinkonzerts in C-Dur. Stürmisch, draufgängerisch, neckisch spielt hier nicht nur die Solistin, sondern zeigt sich auch der Komponist. Sprünge über mehrer Oktaven, hochvirtuose Läufe - vieles ist anders als im D-Dur-Konzert. Doch bevor das Fragment nach sieben Minuten abbricht, hört man durchaus Ideen, die Beethoven in op. 61 später wieder verwendete. Solche Doppelgleisigkeiten gibt es bei ihm sonst nie. Komponierte er ein zu Lebzeiten verlorenes Konzert nach?

Benjamin Herzog

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