Bei den Salzburger Festspielen ist ein Konzertzyklus dem Werk Edgar Varèses gewidmet - beim Auftakt war jedoch vor allem Xenakis zu hören
(Salzburg, 5. August 2009) "In Zeiten wachsender Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Inhumanität spendet die Musik von Iannis Xenakis Hoffnung und gibt mir Mut, mit aller Kraft und Überzeugung für die Ideale von Freiheit und Humanismus einzutreten", sagt Martin Grubinger. Der aus Salzburg stammende Perkussionist, der mittlerweile weltweit ein gefeierter Superstar ist, trat jetzt erstmals bei den Salzburger Festspielen auf. Mit einem Programm, das ihn im Ensemble mit fünf weiteren Perkussionisten als primus inter pares zeigte und doch - natürlich wegen Gruibinger - für eine seit langem ausverkaufte Felsenreitschule sorgte.
"Kontinent Varèse" ist eine achtteilige Veranstaltungsreihe im diesjährigen Konzertprogramm der Festspiele überschrieben, die den großen Klangsucher, Ohrenöffner und Experimentator der frühen Neuen Musik ins Zentrum rückt. Darum herum gruppierte der Konzertchef der Festspiele Markus Hinterhäuser Werke, die mit Varèse korrespondieren, wie jene von Iannis Xenakis, die beim Eröffnungskonzert sogar im den Hauptanteil ausmachten. Varèses "Ionisation" von 1931 für 13 Schlagzeuger - eine Komposition, die erstmals in der abendländischen Musikgeschichte ein Werk für Schlagwerk solo vorstellt, war gewissermaßen die Initialzündung für viele Schlagwerkompositionen danach. So auch für "Persephassa" von Iannis Xenakis aus dem Jahr 1969 für sechs Schlagzeuger.
Während Varèses Stück im wesentlichen eine Materialerfahrung darstellt, geht Xenakis weit darüber hinaus. Die sechs Musiker sind in der riesigen Felsenreitschule auf die Ecken und die Bühne verteilt. Die von ihnen erzeugten Klangwolken schweben durch den Raum, verdichten sich, entzerren sich. Metrische Figuren werden ineinander verschoben. Auch wenn die fünf Mitstreiter Grubingers (The Percussive Planet Ensemble) ebenso wie dieser ohne Frage ausgezeichnete Musiker sind, wurde doch schon in diesem Stück klar, wo die besonderen Qualitäten des Salzburger Stars liegen. Grubingers Bewegungen haben etwas ungemein Fließendes, Homogenes, jeder Ton und jedes Geräusch haben immer auch eine Vor- und Nachgeschichte, scheinen der Mitte seines Körpers zu entspringen. Grubinger hört sie bevor und nachdem sie erklungen sind.
Wie einfühlsam, kollegial der Shooting-Star auch das Ensemblespiel beherrscht, das wurde in diesem, vor allem aber im Schlussstück des Abends, den ca. 45minütigen "Pleiades" deutlich. Dieses 1978 entstandene Stück ist wohl das Anspruchsvollste, was für Schlagzeugensemble komponiert wurde und nur mit einem Höchstmaß an Konzentration und Virtuosität aller Beteiligten aufführbar.
Phantastisch, wie Xenakis hier unterschiedliche Einflüsse, bishin zu festöstlichem Gamelan amalgamiert, aber auch, wie er hier mit der gesamten Ausdruckspalette des in drei Gruppen gegliederten Perkussionsapparats spielt. Neben Grubinger begeisterten hier: Manuel Hofstätter, Leonhard Schmidinger, Rizumu Sugishita, Stefan Rapp und Slavik Stakhov. Gekoppelt wurden diese Perkussionsstücke mit den Orchesterwerken "Metastasis" und "Jonchaies" von Xenakis sowie "Masse - Omaggio a Edgard Varèse" von Giacomo Manzoni für Klavier und Orchester.
Während die Basel Sinfonietta unter Jonathan Stockhammer bei den Xenakis-Stücken etwas die Plastizität und Schlagkraft im Klang und in der formalen Ausgestaltung vermissen ließ, geriet das "Klavierkonzert" mit seinen spannenden Initialzündungen, dem Flirren und geradezu spätromantischen Aufschwüngen überaus überzeugend (hervorragend Nicolas Hodges als Solist). Am Ende des sehr langen Konzerts (2 Pausen) war das Publikum derart enthusiasmiert, dass es sich selbst nach gut 3 Stunden moderner Schlagwerkmusik zu standing ovations hinreißen ließ.
Robert Jungwirth