Mit neuen Madrigalen und der Oper "Luci mie traditrici" ("Die tödliche Blume") begann bei den Salzburger Festspielen der Zyklus "Kontinent Sciarrino" mit Werken des zeitgenössischen italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino
(Salzburg, 3. August 2008) Im Garten warnt der Graf seine Frau vor den Dornen der Rosen, doch schon hat sie sich an ihnen gestochen. Beide singen eine Art Liebesduett. Gewiss, sie lieben sich, doch im Orchester flirren bereits unheimliche, scharfe und aufgeraute Klänge, die nichts Gutes ahnen lassen. Eine bedrohliche Atmosphäre umgibt diese Szene, deren Dornen-Metaphorik bereits auf das Ende verweist, wenn der betrogene Graf sich an der Gräfin blutig rächt, und sich die stechenden Dornen in das Messer des eifersüchtigen Ehemanns verwandeln.
Mehrfach wurde Carlo Gesualdo da Venosa, der Renaissance-Graf und Komponist, der im Jahr 1590 seine Frau und ihren Liebhaber getötet hat, zum Inhalt von Erzählungen und auch Opern. Gut 60 Jahre nach Gesualdos Tod schrieb Andrea Cicognini ein Libretto nach der Geschichte. Und dieses Libretto nahm auch der sizilianische Komponist Salvatore Sciarrino zur Grundlage für seine 1998 uraufgeführte Oper "Luci mie traditrici". Dabei dünnte er den Text stark aus, reduzierte ihn auf chiffrenartige Anspielungen, die viel Raum für Zwischentöne lassen.
Entsprechend unillustrativ ist auch Sciarrinos Musik. Auch sie deutet mehr an als sie konkret ausdrückt und ist gerade dadurch in ihrer instrumentalen Geräuschhaftigkeit und vokalen Manieriertheit enorm suggestiv im changierenden Kontext von Liebe, Verrat und Tod, Schönheit und Vergänglichkeit.
Die Künstlerin und Performerin Rebecca Horn hat dazu in ihrer Inszenierung wunderbare bildnerische Mittel gefunden, projiziert die Symbole dieser Oper, die Rosen, die Dornen, das Blut in Form von Blütenblättern, roter Farbe und rotem Sand auf eine riesige weiße Leinwand. Beständig verändern sich die projizierten Gegenstände, wird der rote Sand weggeblasen, verwandeln sich gelbe Blütenblätter des Beginns in rote, wird dunkelrot allmählich die beherrschende Farbe. Eine faszinierend einfache und doch überaus wirkungsvolle Idee, die zur Zeichenhaftigkeit der reduzierten Musiksprache Sciarrinos hervorragend paßt.
Die Sänger jedoch arrangiert Rebecca Horn ohne besondere Ideen, die Posen und Gesten wirken antiquiert und abgegriffen, worin sich letztlich wohl die Hilflosigkeit ausdrückt, mit der sie sich der plötzlichen Herausforderung gegenübersah, für den verstorbenen Regisseur Klaus Michael Grüber neben der Bühnegestaltung nun auch noch die Regie übernehmen zu müssen. Eine glatte Überforderung. Hier hätte man ihr einen kundigen Regisseur zur Seite gewünscht.
Schade, denn das musikalische Niveau der Sänger war außerordentlich: Otto Katzameier als Graf, Anna Radziejewska als Gräfin sowie Simon Jaunin als Diener verlebendigten die schwierig umzusetzende musikalische Syntax Sciarrinos mit bestechender Klarheit und Eindringlichkeit. Nicht minder beeindruckend das begleitende Klangforum Wien unter seinem Gründerleiter Beat Furrer. Sänger und Orchester machten Sciarrinos Renaissance-Krimi zu einem unheimlichen Vexierspiel der verschiedenen Aggregatszuständen der Liebe.
Beeindruckend geriet bereits am Vormittag die Uraufführung der von den Salzburger Festspielen in Auftrag gegebenen neuen 12 a cappella Madrigale von Sciarrino durch die phantastischen Sängerinnen und Sänger der Neuen Vokalsolisten Stuttgart. Zugrunde liegen den Madrigalen sechs Haikus des japanischen Dichters Matsuo Basho (1644-1694), die Naturlyrik der reduzierten Art vorstellen, meist bestehen sie nur aus einem Satz: "Hier das Murmeln der Wellen ist Rhythmus des duftenden Windes". Sciarrino hat viel von den in ihnen thematisierten Naturlauten, Wind, Wellen, Zikaden oder Lerchen mit in die Vertonung der Gedichte aufgenommen und die Gesangslinien in Anlehnung an die italienische Madrigaltradition kunstvoll miteinander in Beziehung gebracht, ineinander verwoben. Dennoch ist Sciarrinos Musik weniger realistisch oder illustrativ als vielmehr elliptisch, sie lässt mehr weg als sie ausgestaltet, "eine neue Ökologie des Klangs", wie es der Musikologe Max Nyffeler genannt hat. Eigenwillig ist auch die Entscheidung Sciarrinos, die sechs Gedichte zweimal zu vertonen und beide Vertonungen nacheinander in einem Zyklus vorzustellen. Für die aufmerksam und fasziniert zuhörenden Besucher des Vormittagskonzerts war das eine ganz besondere Schule des Hörens und der Konzentration. Nicht minder natürlich für die Sängerinnen und Sänger, die dafür ebenso wie der Komponist mit begeistertem Applaus gefeiert wurden.
Robert Jungwirth