Eine Entscheidung mit Folgen

(München, 23. Juli 2009) Der Schock sitzt tief. Eigentlich möchte man es nicht glauben, dass der Münchner Stadtrat gestern dem Chef der Münchner Philharmoniker, GMD Christian Thielemann, mit nur einer Gegenstimme den Laufpass gegeben hat. Immer noch gaukelt sich mancher Musikfreund vor, diese Entscheidung sei keine endgültige, da könne noch nach verhandelt werden. Aber im Münchner Rathaus sind die Würfel gefallen - und viele Fragen offen.
Thielemann bekannte bis zuletzt, dass er gerne in München bleiben würde und wies immer wieder auf sein gutes Verhältnis zum Orchester hin. Das zu überprüfen war leicht, es war hörbar.

Mit Thielemann an ihrer Spitze waren die Münchner Philharmoniker eine Attraktion, wurden in Japan, Korea, China oder zuletzt in Russland gefeiert. Japan erwartet das Erfolgsgespann im März 2010 und in Baden-Baden soll es mit Richard Strauss' "Elektra" und "Ariadne" weitergehen. Beim für 2013 geplanten Wagnerschen "Ring des Nibelungen" wird im Baden-Badener Festspielhaus aber vermutlich ein anderes Orchester im Graben sitzen. Es ist Thielemann, dessen Wagner-Interpretation - er dirigiert den "Ring" auch heuer wieder in Bayreuth - man dort hören möchte, das Orchester ist zweitrangig.

Nicht nur mit sämtlichen Bruckner-Symphonien, auch mit den DVDAufnahmen der Strauss-Opern und des "Ring" war für die Münchner Philharmoniker die Medienvermarktung endlich gut angelaufen - nach Jahren der Abstinenz unter Celibidache und wenig Erfolg unter Levine.
Ob die Philharmoniker ohne Thielemann attraktiv sind, ist die große Frage. Denn er aktivierte mit ihnen genau den Klang, der sie unverwechselbar machte.

Auch die gestiegene Abonnentenzahl in den Münchner Konzerten - es gibt ein eigenes Thielemann-Abo - ging auf sein Konto. Vermutlich wird sich nach 2011 mancher Abonnent wieder verabschieden. Ob all das bei der weitreichenden Entscheidung gestern mitbedacht wurde?

Obwohl Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers beteuert, man habe noch keinen Nachfolger in petto, drängen sich nach der schnöden Abservierung des GMD an dieser Aussage Zweifel auf. Intendant Paul Müller wurde die letzte Entscheidungsgewalt in Sachen Gastdirigenten und Programme zugesichert. Und so kann man vermuten, dass er - als in Bamberg höchst erfolgreicher Manager und ausgewiesener Kenner der Szene - vielleicht schon seinen Wunschkandidaten im Hut hat.

Zu den möglichen Nachfolgern zählen: Kyrill Petrenko, der sich an der Bayerischen Staatsoper mit einer grandiosen "Jenufa" empfahl. Oder Andris Nelsons, der gerade erst bei Klassik am Odeonsplatz (mit dem BR-Symphonieorchester) für Aufsehen sorgte. Oder James Gaffigan, der die Philharmoniker und ihr Publikum kürzlich im Abo-Konzert als Einspringer beeindruckte.

Die Frage ist nur: Möchten solche in der Tat hochkarätigen, viel versprechenden, jungen Dirigenten GMD in einer Stadt werden, die einen höchst erfolgreichen Thielemann einfach hinaus kickt? Einer Stadt, in der die Verantwortlichen nicht in der Lage sind, die Kommunikation zwischen ihrem GMD und dem Intendanten - wenn nötig mittels Mediator - in geregelte professionelle Bahnen zu lenken? Wenn hier eine Ehe wegen einer nicht zugeschraubten Zahnpasta-Tube geschieden wird, dann sollten sich alle liebäugelnden Aspiranten zunächst fragen, ob sich nicht doch was Besseres findet...

Gabriele Luster

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