Mehr als nur zwei Damen

Die Wahl zu Gunsten der Wagner-Schwestern ist auch eine Frage der Lebenshaltung

Vertrag bis an das Lebensende? Wolfgang Wagner, der schlaue Fuchs, hat auch in seinem Abgang noch alle ausgetrickst. Sein Lebenswerk wird bis über seinen Tod hinaus wirken, denn nun hat sein eigen Fleisch und Blut gleich doppelt sein Erbe angetreten. Mit seiner Lieblingstochter Katharina und seiner wieder aufgenommenen, einst verstoßenen Tochter Eva werden nun zwei Frauen das Werk des Wagner-Clans am Grünen Hügel weiter führen, die der Tradition des Hauses tief, wenn nicht bedingungslos verpflichtet sind. Sie sind in der Wolle gefärbt, sie haben den Stallgeruch.

Diese beiden Eigenschaften hat die intellektuelle Nike nicht, und deshalb war sie allen suspekt. Da konnte auch das Renommee eines Gérard Mortier nicht helfen. Vielleicht hat es Nike letztendlich sogar geschadet, dass Sie noch einen Geistesmenschen an ihre Seite gezogen hat: Mit "großer Mehrheit" wurde die Entscheidung zu Gunsten von Wolfgangs Kindern getroffen. Da war gewiss viel Bauch, vornehm auch "Intuition" im Spiel. Wolfgang Wagner ist bis heute ein Lebemensch, ein Patriarch, eine Autorität ohne weitere Diskussion. Auch das wollte man weiter erhalten in Bayreuth, eine gewisse bajuwarische Lebenshaltung, zu der der große Auftritt der Prominenz genauso passt wie das Würstelessen in der Pause. Nike Wagner und Gérard Mortier haben oft genug klar gemacht, dass sie von der Kunst mehr erwarten.

Die Stimmung wird daher gut sein am Grünen Hügel und in der Villa Wahnfried, läuft sie doch nicht Gefahr, in Zukunft durch intellektuelle Feinsinnigkeiten hinterfragt und damit getrübt zu werden. Im Gegenteil: Erklärte Absicht des Duos Katharina-Eva ist es ja, die Festspiele durch bessere "Vermarktung" und "mediale Vermittlung" nach vorne zu bringen. Mehr Festspiel für mehr Leute, das muss in Bayreuth ja gut ankommen. In welche Richtung allerdings die "Qualität gesteigert" werden soll, kann nur auf subjektiver Ebene entschieden werden, für manche sind die Festspiele in Bayreuth ja heute schon die "bedeutendsten Opernfestspiele der Welt".

Man mag traurig sein, dass in Bayreuth mit großer Mehrheit die Chance verpasst wurde, einem anderen Geist als dem des opulenten Feierns von Wagners Werk Heimat zu geben. Letztlich ist auch diese Veranstaltung erklärter Maßen eine Mischung aus "Fest" und "Spiel", und beides darf man mögen, muss es aber nicht zu ernst nehmen. Gute, durchdachte, interessante Wagner-Interpretationen wird es auch andern Orts geben. Bayreuth mag sich noch so viel Mühe geben, der "Maßstab" sein zu wollen, aber was heißt das schon. Die Phantasie hat überall auf der Welt ihren Raum, und nur sie wird entscheiden, wie gut eine Wagner-Interpretation gelingt. Allein diesem Maßstab wird sich Bayreuth, nun mehr denn je, stellen müssen. Nur das Maß der künstlerischen Freiheit wird entscheiden, wie gut das Werk der beiden Damen geraten wird.

Laszlo Molnar

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