Charles Koechlin, Les Bandar-Log op. 176, Offrande musicale sur le nom de Bach op. 187 mit dem Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Heinz Holliger. Hänssler Classic/ SWR Music
Schon viermal haben der Dirigent Heinz Holliger und das Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR Kompositionen des Franzosen Charles Koechlin beim Label Hänssler Classic in Koproduktion mit dem SWR veröffentlicht. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit macht Sinn, benötigen allein die klangvollen Orchesterwerke von Koechlin doch ein großes Instrumentarium von der Orgel bis zur fast doppelten Besetzung. Ein aufwendiges Koechlin-Projekt startete deshalb Holliger mit dem SWR, wissenschaftlich unterstützt vom Charles Koechlin Archiv in Kassel. Auf ihrer fünften CD kombinieren sie zwei höchst unterschiedliche Werke.
Mit der Aufnahme von "Offrande musicale sur le nom de Bach" dokumentiert das Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Leitung von Heinz Holliger eindrucksvoll die weltweit zweite Aufführung dieses imposanten, hochkomplexen und auch etwas lehrmeisterlichen Orchesterwerks. Streng widmete sich darin Koechlin der Bachschen Polyphonie, die der Franzose als unerreichbar in ihrer Freiheit und Schönheit empfand. Doch zwischen den 12 anspruchsvollen verdichteten Orchesterfugen über das Thema B-A-C-H blitzt der Klangmagier Koechlin auf, der durch regelwidrige Kombination von Orchesterstimmen dräuende, gleißende und nahezu synthetische Farbspiele zaubert. Koechlin hatte ein visionäres Talent, auf das Heinz Holliger und das Radiosinfonieorchester Stuttgart zu Recht in dieser überzeugenden Einspielung aufmerksam machen.
In Les Bandar-Log aus "Le livre de la jungle" dagegen gibt sich Koechling parodistisch: Ruhig ist es am frühen Morgen im dämmrigen Dschungel. Doch plötzlich wird diese Idylle zerstört: Eine Horde kreischender und keifender Affen bricht durchs Unterholz, eingebildete und doch unbedeutende Tiere für Charles Koechlin.
"Sie halten sich für begnadete Genies und sind doch nichts weiter als plumpe Nachäffer, deren einziges Ziel es ist, der Tagesmode zu folgen (so etwas soll es auch in der Welt der Künstler geben)."
Die Künstler waren für Koechlin diejenigen Komponisten-Kollegen, die sich dem Trend des Neoklassizismus angeschlossen hatten, sich auf die Musik von Bach bezogen, doch von dessen unbestechlicher Reinheit wenig oder gar nichts verstanden Es waren Igor Strawinsky und die Vertreter der "Groupe de Six", und sie benutzten eine vermeintliche Einfachheit, um "ihren eigenen musikalischen Leerlauf zu legitimieren".
Das war starker Tobak, als Koechlin sich in einem Artikel im Jahr 1926 derart kritisch äußerte. Der Elsässer und Protestant Koechlin war ein Einzelgänger. Aus einer Künstler-, Erfinder- und Ingenieursfamilie stammend, wollte er sich durch keine Ideologie, noch Schule, noch religiöse Bindung einengen lassen. In seinem Affen-Scherzo Bandar-Log aus "Le livre de la jungle" angeregt von Rudyard Kiplings Dschungelbuch lässt er die "Künstleraffen" an vielen gängigen Kompositionstechniken scheitern, bis der Dschungel dieses belanglose Herumgestümpere mit wahrer Musik überwuchert. Der geniale Schluß des satirischen Seitenhiebs ist - ungeachtet der Überzogenheit seiner kritischen Äußerungen - ein glanzvolles Beispiel für das, was Koechlin selbst als "eclaircissement progressif" nannte, eine fortschreitende Aufhellung des Klangs, für das Jahr 1939 ein avantgardistischer Coup.
Julia Schölzel