Kirsten Flagstad starb vor 50 Jahren - wieder zu entdecken: eine norwegische "Götterdämmerung" und die Decca-Recitals
Der Ehrgeiz selbst kleiner Theater, Wagners "Ring" zu stemmen (das kommende Gedenkjahr wirkt schon jetzt katalysatorisch), ist eine Entwicklung vor allem der letzten fünf Jahrzehnte. Auch der legendäre, bis heute im Grunde nicht übertroffene Georg-Solti-"Ring" war zur Zeit seiner Entstehung (1958 bis 1964) keineswegs ein "sicheres Geschäft". Völlig isoliert wirkt unter diesen Umständen das Unternehmen des norwegischen Rundfunks aus dem Jahre 1956, die "Götterdämmerung" an drei separaten Tagen aufzuzeichnen. Freilich stand Kirsten Flagstad als Brünnhilde zur Verfügung. An der Aufnahme hing denn auch das Herz der Künstlerin, nicht zuletzt, weil sie den endgültigen Abschied von einer zentralen Partie ihrer Karriere bedeutete. Von der Bühne hatte sich die große Sängerin bereits 1955 zurückgezogen.
Gar nicht lange vor diesem Karriereeinschnitt hatte die Sopranistin an der New Yorker Met und der Mailänder Scala nachgewiesen, dass sie in Sachen Wagner-Gesang weiterhin eine Nummer Eins war. Aber Kirsten Flagstad begann klug, ihre Aktivitäten einzuschränken, verlegte sich zuletzt auf Partien wie Purcells Dido und Glucks Alceste. Bei der Uraufführung der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss (1950 in London unter Wilhelm Furtwängler) umging sie im ersten Lied "Frühling" eine heikle Höhenphrase und verzichtete später ganz auf dieses Lied. Nachdem sich der maßgebliche Decca-Tonmeister John Culshaw von ihrer nach wie vor intakten Stimme mit dem imperialen Timbre hatte überzeugen können, machte er ihr sogar das Angebot für eine Studio-"Götterdämmerung" in Wien. Doch das lehnte sie ebenso ab wie Jahre zuvor einen Auftritt in Bayreuth nach fast zwei Jahrzehnten (sie empfahl stattdessen die junge Astrid Varnay). Mit ein Grund für ihre Absage der "Götterdämmerung" war die oben erwähnte Aufnahme des norwegischen Rundfunks, deren Veröffentlichung sie zur Bedingung für neue Vertragsabschlüsse machte.
Culshaw hörte sie sich durchaus begeistert an, musste allerdings feststellen, dass die Einspielung Striche von rund 40 Minuten Dauer aufwies. So fehlten die Nornen-Szene und die Zwiesprache Alberich/Hagen zu Beginn des zweiten Aufzugs. Durch eine Nachaufnahme wurde das korrigiert. Dennoch machte die Einspielung keine rechte "Karriere". Erst jetzt, nach mehr als einem halben Jahrhundert, ist sie in klangtechnischer Überarbeitung wieder greifbar, ein wichtiges Dokument, wenn auch insgesamt keine Interpretation von überzeitlichem Anspruch.
Kirsten Flagstads Brünnhilden-Autorität steht freilich selbst in ihrem 61. Lebensjahr außerhalb jeden Zweifels, auch wenn die eine oder andere Höhe ein wenig erkämpft wirkt und das hohe C am Ende von "Zu neuen Taten" durch ein As ersetzt wird. Was soll's. Die samtene Fülle und Grandeur ihres Organs wirkt nach wie vor imposant, elektrisierend, ja narkotisierend. Set Svanholm porträtiert draufgängerisch den Siegfried, Ingrid Bjoner (3. Norn, Gutrune) stieg damals in ihre große Karriere ein. Von den anderen skandinavischen Sängern sind noch Eva Gustavson (*1917, 1. Norn, Waltraute, einige Jahre zuvor Amneris in Arturo Toscaninis New Yorker Aufführung von Giuseppe Verdis "Aida"), Per Grönneberg (*1911), ein etwas "weicher" Alberich, und Egil Nordsjo (nur das Geburtsdatum 1908 war recherchierbar) als Hagen zu erwähnen. Gute Figur macht auch das Orchester (Osloer Philharmoniker zusammen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester der Stadt) unter Oivin Fjelstad (1903-1983).
Nachdem die Veröffentlichung der "Götterdämmerung" vertraglich abgesichert war, konnte Culshaw mit seinem eigentlichen Vorhaben beginnen, eine der imposantesten dramatischen Stimmen des 20. Jahrhunderts in ihrer - blumig ausgedrückt - herbstlichen Hochblüte umfänglich zu konservieren. Die schwere Krankheit der Sängerin, welcher sie am 7. Dezember 1962 erlag, verhinderte Projekte über 1959 hinaus, welche auch eine Erweiterung des Repertoires beinhaltet hätten. Immerhin wurden zahlreiche Lied-Einspielungen mit raren Werken realisiert, zu denen auch die sicherlich neu einstudierten Mahler-Zyklen (Gesellen-Lieder, Kindertoten-Lieder) unter Adrian Boult gehören. Ein beim Label audite veröffentlichter Konzertmitschnitt von 1952 aus Berlin (mit dem Orchester der Städtischen Oper unter Georges Sebastian) deutet seinerseits entsprechende Perspektiven an (mit drei der "Vier letzten Lieder von Strauss sowie dem Monolog der Elektra).
Die Decca-Edition umfasst 10 CDs, wobei allerdings Lücken zu beklagen sind. Zumindest die Einspielungen zweier "Walküren"-Akte (der erste 1958 unter Hans Knappertsbusch mit Set Svanholm und Arnold van Mill, der dritte 1957 unter Georg Solti mit Marianne Schech, Otto Edelmann u.a.) wären eigentlich zu berücksichtigen gewesen. Auf die norwegische "Götterdämmerung" wird immerhin mit Brünnhildes Schlussgesang Bezug genommen. Dass "Rheingold" 1958 unter Solti fehlt, macht insofern Sinn, als dieses Werk nur den Teil eines großen Ganzen darstellt. Allerdings hätte es sich aus dokumentarischen Gründen angeboten, eine repräsentative Szene mit der neuen Rolle Fricka zu präsentieren.
1950 hatte die Künstlerin immerhin noch alle Brünnhilden unter Wilhelm Furtwängler an der Mailänder Scala verkörpert (Mitschnitt existiert), 1951 die Isolde an der New Yorker Metropolitan Opera gegeben. Bei beckmesserischem Hören der Decca-Aufnahmen könnte man den einen oder anderen Spitzenton von Kirsten Flagstad vielleicht beanstanden (etwa bei "Glorie" in den "Schmerzen" der "Wesendonck-Lieder"). Durch die bestens bewältigten Höhenpassagen in Mahlers Gesellen-Liedern erledigt sich eine grundsätzliche Kritik allerdings rasch. Die Sieglinde ("Du bist der Lenz") klingt erstaunlich hell, obwohl der Sopran Kirsten Flagstads selbst in frühen Karrierejahren eine gewisse "Mütterlichkeit" nicht leugnen konnte. Andererseits intensivierte diese Tatsache das Archetypische ihrer Interpretation, wie es auch bei einer Martha Mödl oder Astrid Varnay der Fall war. Dagegen legt Kirsten Flagstad bei Edvard Griegs "Killingdans" (aus dem Liederzyklus "Haugtussa") eine erstaunliche Forschheit an den Tag, und Schuberts "Erlkönig" mit seinen drei "Akteuren" lebt von vokalfarblicher Differenzierung.
Bei breiter Melodik fand Kirsten Flagstads üppiger, aber weich schwingender Sopran freilich immer zu besonderer Wirkung. Im Liedbereich (stets mit Edwin McArthur als Partner am Klavier) lässt sich das bei "Befreit" von Richard Strauss besonders gut verfolgen, für die Oper wäre die "Todesverkündigung" aus "Walküre" ein besonders signifikantes Beispiel. Das überhaupt sehr weitläufige Repertoire umfasst noch eine Reihe von Barock-Arien (Bach, Händel), weihnachtliche Gesänge sowie norwegische Hymnen, in der Osloer Ris kirke mit Orgel aufgenommen.
Bayreuth war für Kirsten Flagstad seltsamerweise nur ein Intermezzo: 1933 kleine Partien, 1934 Sieglinde und Gutrune. Einem Wiederauftritt bei den Nachkriegs-Festspielen verweigerte sie sich, wie geschildert. Ihre Decca-Aufnahmen bleiben somit gloriose Dokumente eines Gesangsstils, der in seiner fraulichen Wärme bezwingt, geradezu hypnotisiert.
Christoph Zimmermann
Wagner: Götterdämmerung (Naxos 8.112066-69)
Kirsten Flagstad Edition (Decca 478 3930)