Feurige Kammermusik

Der Rathausplatz in Kempten. Foto: Stadt Kempten

In Kempten im Allgäu findet bis zum 23.9. das 7. Internationale Festival der Kammermusik statt. Es ist der Musik und den Komponisten Ungarns gewidmet

(Kempten, den 16.9.2012) Kammermusiker müssen besessen sein. Da reisen sie aus ganz Europa nach Kempten ins schöne Allgäu, und was machen sie dort? Den ganzen Tag Musik. "Manche Musiker musizieren bis zu zehn Stunden am Tag. So sehr macht ihnen das Spaß," berichtet Franz Tröger, der Präsident des "Freundeskreises Fürstensaalkonzerte" in Kempten über den Eifer, den die Mitwirkenden des "Internationalen Festivals der Kammermusik" an den Tag legen. In dieser Woche geht das Festival in Kempten in seine siebte Saison. Die Konzerte finden vom 19.  bis 23. September im Theater in Kempten statt, bis dahin wird geprobt, Tag und Nacht sozusagen.

Denn das Programm ist anspruchsvoll, wie immer. Es ist in diesem Jahr Komponisten aus Ungarn gewidmet und damit in erster Linie Musik des 20. Jahrhunderts. Da sind die Anforderungen an die Spieltechnik besonders groß. Aber erst die grundsätzliche Frage: Wie kommt die Kammermusik nach Kempten? Vor allem wegen der Musikbegeisterung von Franz Tröger, eines Kemptener Unternehmers, der in Kutursachen Mitglied des Stadtrats war und sich nicht davon abbringen ließ, seine Mitbürger regelmäßig mit Kulturveranstaltungen zu versorgen. Vor sechs Jahren gründete er die Reihe "fürstensaal classix" und holte sich dafür als künstlerischen Leiter den bei München lebenden, auf Kammermusik spezialisierten Pianisten Oliver Triendl. Mit seinen guten Verbindungen in seiner Stadt fand Tröger Mitstreiter und Sponsoren, Triendl wiederum fand mit seinen Verbindungen die richtigen Musiker , und diese wiederum haben in Tröger einen Mann, der sich persönlich darum kümmert, dass sie in Kempten gut untergebracht sind und alle Zeit haben, um das zu tun, was sie im liebsten machen: Musik.

Das Modell kommt bekannt vor: Lockenhaus im fernen Burgenland lässt grüßen. "Daran haben wir auch gedacht," gibt Tröger im Gespräch zu, "aber die hatten Gidon Kremer als künstlerische Leitfigur. Bei uns ist das anders. Wir wollen keine Stars."
Anders ist auch, dass es von vorn herein ein festes Programm gibt, das Tröger und Triendl in den Monaten vor dem Festival zusammen stellen. Die Musiker werden dann eingeladen, sich damit zu beschäftigen und an allen Abenden ein festes Programm zu spielen, während in Lockenhaus die Programme ja spontan am Tag der Aufführung entstehen. Ähnlich aber ist, dass auch in Kempten das Publikum die Proben besuchen kann. So entsteht doch ein deutlich engeres Verhältnis von Musikern und Besuchern, die aus nächster Nähe erleben können, wie musikalische Interpretationen entstehen.

"Wir wollen keine Stars." So ein Satz klingt in der Star-versessenen Musikszene wie aus einer anderen Welt. Aber das Eröffnungskonzert zum Festival-Start am Sonntag lieferte den Beweis, wie recht Franz Tröger doch hat. Was könnten irgendwelche "Stars" besser machen als Oliver Triendl, Alena Baeva (Violine), Lise Berthaud (Viola) und der Cellist Jakob Koranyi in ihrer ebenso furiosen wie vielschichtigen Aufführung des Klavierquartetts g-Moll von Johannes Brahms. Oder das Ensemble, das mit Johann Strauß' Polka "Éljen a Magyar" in einer Sextett-Fassung den Abend eröffnete. Oder der ungarische Cymbalom-Solist András Szalay, der auf ebendiesem "Klassiker" der ungarischen Musik Stücke eines der ausgefeiltesten zeitgenössischen Komponisten spielte, György Kurtág. Da kann man nur noch hören und staunen und aufs tiefste glücklich sein, dass es solche Musiker gibt und die Musik, Gott sei Dank, nicht davon abhängig ist, von "Stars" aufgeführt zu werden.

Im Theater in Kempten gibt es von kommendem Mittwoch 19 Uhr, bis Sonntag Abend Gelegenheit, das Können dieser Musiker zu bewundern und die Musik Ungarns kennen zu lernen. Auf dem Programm stehen Werke aller wichtigen Komponisten, neben Liszt, Kodály und Bartók sind das Ernö von Dohnanyi, Leo Weiner, Jenö Takács, Sándor Veress. György Ligeti, György Kurtág und Peter Eötvös, auch die Dirigenten George Szell und Antal Doráti und bei uns weniger bekannte Namen wie Mikós Kocsár und László Sári. Es gibt auch einen Komponisten in Residence, László Tihanyi, von dem eine Uraufführung gespielt werden wird.

Das Cover des Programmheftes ziert - was sonst - eine Paprikaschote und das Motto "Kammermusik mit Paprika". Ein unzerstörbares Klischee, aber doch aus gutem Grund. Musiker und Musiker des Eröffnungsabends ließen keinen Zweifel daran, dass die Besucher der "Fürstensaal Classix" (Achtung! Veranstaltungsort ist das Theater!) eine wahrhaft feurige Woche erwartet.

Alle wichtigen Informationen hier : http://www.fuerstensaalclassix.de/.

Laszlo Molnar