Schnörkellos und sehr präzise

Janačeks Oper "Katja Kabanowa" mit der phantastischen Karita Mattila auf DVD. Es dirigiert Jiří Bělohlávek, die Inszenierung stammt von Robert Carsen - eine Produktion der Vlaamse Oper

Wasser, nichts als Wasser vor blauem oder fiebergelbem Horizont und dazwischen ein paar Stege; mal zu einer Art Floß gebunden, mal einen Stern bildend oder einfach schräg über die große Bühne des Teatro Real in Madrid verlaufend: Die Wolga, die am Ende von Leos Janáčeks "Katja Kabanowa" Verhängnis und Tod der Titelfigur bedeutet, ist hier allgegenwärtig und macht die Menschen zu von der Natur immer unmittelbar Gefährdeten (Bühne und Kostüme: Patrick Kinmonth). Dazu bräuchte es gar kein Gewitter, wie es Janaček gleichwohl faszinierend im dritten Akt komponierte. 25 Doubles von Katja im weißen Kleid verschieben während der Zwischenspiele im Wasser robbend die Holzplanken und tanzen am Ende, den Wahnsinn Katjas vorwegnehmend, wild im Stroboskop-Gewitter. Sinnbild für Katjas widerstrebende Gedanken und Gefühle ist das oder die Verallgemeinerung eines Einzelschicksals.

Dank der kargen Bühne liegt alles Augenmerk auf der Personen-Regie und die ist schnörkellos und sehr präzise, vor allem bei der Katja von Karita Mattila. Doch die Finnin spielt die junge Frau, unterdrückt von einer brutalen Schwiegermutter (von eiskalter Strenge: Dalia Schaechter), verheiratet einem Schwächling (Guy De Mey) und verliebt in den ebenso wankelmütigen Boris (Miroslav Dvorský) nicht nur hinreißend, sondern macht die zunehmende Verzweiflung angesichts ihrer Schuldgefühle und des Verlusts der Kontrolle über die eigenen Gedanken mit einer wunderbaren Mischung aus Intensität und zartem Empfinden auch singend glaubhaft: mit einem weich flutenden, in allen Lagen präsenten und farbenreichen Sopran.

Bei Jiří Bělohlávek am Pult trifft Karita Mattila auf einen Gleichgesinnten, der mit dem Orqueta Titular del Teatro Real goldrichtige Tempi wählt, betörend schöne Klänge erzeugt, aber auch die Strukturen von Janáčeks Musik freilegt und neben zahlreichen instrumentalen Details über 105 Minuten nie den dramatisch durchpulsten Atem vergisst und so das immense musiktheatralische Potential dieser Oper zum Ereignis werden lässt.
Mutig und ein Könner seines Fachs ist auch Bildregisseur François Roussillon, der oft die Totale wagt, um die Verlorenheit der Figuren auf der Weite der Bühne zu zeigen und ihre Stellung im Raum. Ruhig deshalb der Rhythmus seines Schnitts und oft entsprechend lang die Dauer der Einstellungen.
Nach den Aufzeichnungen aus Glyndebourne 1988 (Regie: Nikolaus Lehnhoff mit Nancy Gustafson in der Titelpartie) und Salzburg 1998 (Christoph Marthaler/Angela Denoke) kommt auch die Produktion der Vlaamse Oper von Robert Carsen mit Jiří Bělohlávek am Pult (2008 aufgezeichnet in Madrid für das Label fRA) in ihrer Entschiedenheit und Klarheit einer idealen Interpretation sehr nahe.

Klaus Kalchschmid

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