Der künftige Stuttgarter Intendant Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito inszenierten an der Stuttgarter Staatsoper eine bewegende "Katja Kabanova" von Leos Janáček - die musikalische Leitung hatte Michael Schønwandt
(Stuttgart, 9. Mai 2010) Karg die Bühne, ausgeschlagen mit schwarzen Plastikplanen, ganz vorne ein Zaun mit Gartentür, darüber ein wenige Quadratmeter großes Werbeplakat. Es zeigt einen bewaldeten See, in dem - kaum zu erkennen - zwei Menschen plantschen, darüber ein Schriftzug auf Kyrillisch, wohl zu übersetzen mit "Wo das Herz ist, ist die Heimat" (Bühne: Bert Neumann). Da hangelt sich noch während des Vorspiels ein junger Mann am Zaun entlang, umgreift von hinten zwei Latten wie einen Körper und schmiegt seinen Kopf zwischen Kinn und Schulter. Plötzlich rennt er weg und wird wenig später von Dikoj, seinem Onkel, brutal ausgepeitscht: Schon in den ersten Minuten der pausenlos gespielten 100 Minuten von Leos Janáčeks "Katja Kabanova" nach Ostrowskijs "Gewitter" konfrontieren Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper den Zuschauer mit extremen Handlungen und Gefühlen.
Mit schonungsloser Kargheit und Härte, nur gemildert durch kleine, absurd komische Momente wie das Abbrechen und Flicken eines roten Damenschuhabsatzes erzählen sie die Geschichte einer jungen Kaufmannsgattin, die zwischen brutaler Schwiegermutter, schwachem Ehemann und Geliebtem zerrieben wird, schließlich den Freitod in der Wolga sucht. Dirigent Michael Schønwandt und das Stuttgarter Staatsorchester tragen dazu einen faszinierend dunkel glühenden, oft wie Lava aufbrechenden musikalischen Urgrund bei, der an Intensität - nicht zuletzt in der großen Gewitterszene des dritten Akts - kaum zu überbieten ist, aber auch große Momente der Zärtlichkeit warm, weich und sinnlich entfaltet.
Der Jüngling aus dem Vorspiel ist Katjas Geliebter Boris, dargestellt vom faszinierend singenden und spielenden 35-jährigen tschechischen Tenor Pavel Černoch. Was müssen sich in diesem Jungen für Gefühle angestaut haben, wenn er schluchzend in einen Weinkrampf verfällt, als ihm eröffnet wird, Katja wolle ihn im Garten treffen? Wieler/Morabito inszenieren dieses erste Treffen denkbar verhalten. Wenn Katja sich selbst in aller Öffentlichkeit der Untreue bezichtigt hat, fallen die beiden, die nichts mehr zu verlieren haben, jedoch fatalistisch übereinander her, das erste Mal! Ihre letzte Begegnung dagegen ist eine einzige Irritation, der Abschied zweier Menschen, die sich fast sprach- und hilflos gegenüberstehen. Janáček hat Boris und Katja die schönste und zugleich schmerzvollste Musik seiner Oper komponiert - das wird bei Pavel Černoch und Mary Mills zum Ereignis.
Die Amerikanerin ist als Katja auch stimmlich ein zerbrechliches Wesen in Weiß, das wie nicht von dieser Welt scheint; ein Mädchen, das sich verzweifelt an den Gatten klammert, wenn der auf Dienstreise geht; ein Mädchen, das die Demütigungen ihrer Schwiegermutter vermeintlich stoisch erträgt und schon handfest verführt werden muss, um den Versuch einer Befreiung zu wagen. Warwara (wunderbar geerdet mit schönem, sinnlichem Mezzo: Tina Hörhold) ist diese Verführerin, die unter den bunten bäuerlich-rustikalen russischen Trachten, die hier fast alle tragen (Kostüme: Nina von Mechow), Jeans und Bluse versteckt. Mit dem hübschen Kudrjasch, den Matthias Klink als einen selbstbewußten Filou spielt, der gerne seine muskulöse nackte Brust zur Schau stellt, und ihn mit frischem, freiem Tenor singt, liebt sie sich im Schutz des Plakats. Doch dessen Rückseite erweist sich beim näheren Hinsehen als Teil eines mittelalterlichen Holzschnitts, auf dem Teufel Frauen im Fegefeuer schänden. Was für ein mehrdeutiges Bild!
An der Art, wie die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ausgelebt wird, zeigen Wieler/Morabito ihre Charaktere: Warwara und Kudrjasch sind eins mit sich und ihrem erotischen Begehren. Bei der bigotten, herrschsüchtigen Kabanicha (Leandra Overmann singt und spielt sie als giftspeiende, böse Matrone) und Dikoj (Johann Tilli) wird dem Zuschauer das perverse Nachspiel mit dem unter den Rock kriechenden Mann und der lustvoll gackernden Frau nicht vorenthalten. Selbst Tichon, der Sohn der Kabanicha (Torsten Hofmann, auch er ein Prackl von Mann) reißt sich vor seiner Abreise noch einmal das Hemd auf und nimmt sich seine Frau Katja buchstäblich auf dem Boden der Wohnküche, die eigentlich eine große bunte, spießige Fototapete einer Wohnküche ist.
Nicht zufällig wird bei Wieler/Morabito aus einer kleinen Nebenrolle, Fekluscha, eine szenische Leitfigur, die wie in einem Brennspiegel immer wieder neu das ganz Drama versteckter und nicht ausgelebter Gefühle fokussiert.
Als "Bedürftige" im Personenverzeichnis der Regisseure genannt, trippelt Pinelopi Argyropoulou wie ein verwirrter Vogel, der hastig Kopf und Arme gleichsam spastisch zuckend bewegt, immer wieder über die Bühne. Emotional ganz unmittelbar reagiert sie auf alles, was um sie geschieht, hält sich die Ohren zu, schüttelt panisch den Kopf, ist die letzte, die am Ende den Anblick der ertrunkenen Katja aushält. Große Betroffenheit und ebenso heftiger Beifall für alle Beteiligten nach dieser Premiere, die noch lange nachwirkt.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen am 12., 15., 20., 24. und 27. Mai.
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