Katharina Wagner und Christian Thielemann wollen sich gemeinsam um die Leitung der Bayreuther Festspiele bewerben
Das sagten beide der FAZ (Ausgabe vom 22. September). Die 29-jährige Wagner und der 48-jährige Thielemann - Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker - formulierten als gemeinsames Ziel, Bayreuth solle eine Vorreiterrolle in der Wagnerrezeption spielen. Der traditionelle Kanon der zehn Hauptwerke solle beibehalten werden. Geplant seien auch gemeinsame Produktionen. "Wir beide können uns das blendend zusammen vorstellen. Wir kennen uns so gut, dass wir uns auch einmal schonungslos die Meinung sagen können", erklärte Thielemann. Der 88-jährige Festspielleiter Wolfgang Wagner habe bereits seine Zustimmung gegeben, versicherten die Kandidaten.
Entscheiden kann allerdings nur der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung, der voraussichtlich am 6. November über die Nachfolge beraten will. Beworben haben sich auch Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier. Solange allerdings Wolfgang Wagner (88) nicht seinen Rücktritt erklärt, kann auch der Stiftungsrat keinen verbindlichen Entschluss fassen.
Kommentar:
(München, 23. September 2007) Nun ist die Katze also aus dem Sack: Weil klar ist, dass das Nesthäckchen vom Grünen Hügel Katharina Wagner (29) alleine kaum eine Chance für die Übernahme der Festspielleitung hat, vollzieht sie nun die künstlerische (Schein-)Ehe mit dem Wagner-Dirigenten Christian Thielemann. Das ist ein taktisch kluger Schachzug, keine Frage und natürlich von langer Hand geplant. Thielemann steht für ein Höchstmaß an künstlerischer Integrität und Qualität.
Doch bleibt die Programmatik der beiden für die Festspiele eher unscharf. Bayreuths Vorreiterrolle in der Wagner-Rezeption zu betonen, ist nicht wirklich originell, sondern eine Selbstverständlichkeit, die erst die Grundlage bildet für weiterführende Ideen. Auf die wartet man schon lange. Und die Beschränkung auf die zehn Hauptwerke Wagners ist ja nun ebenso wenig ein Konzept. Abgesehen vom pr-trächtigen Effekt der Bewerbung fragt man sich, wie die Zusammenarbeit von Thielemann und Katharina Wagner eigentlich konkret aussehen soll. Thielemann ist ein erklärter Gegner avancierten Regietheaters, für das Katharina aber doch in gewisser Weise einstehen will. Thielemann würde gewiss lieber einen Besen essen als z.B. mit Christoph Schlingensief gemeinsam eine Oper zu erarbeiten.
Geradezu degoutant ist die Bemerkung Katharinas, ihre Mitkonkurrentinnen Eva und Nike wären viel zu alt, bis sie selbst planerisch tätig werden könnten, weil die Verträge in Bayreuth bereits bis 2015 geschlossen seien. Das trifft vielleicht für einige, gewiß aber nicht für alle Besetzungsfragen zu. Es gibt also noch genug Handlungsspielraum für neue Ideen. Ihr eigener Vater Wolfgang wäre demnach übrigens schon seit mehr als 20 Jahren zu alt für seinen Posten. Hier soll also gezielt Sand in die Augen der Mitglieder des Stiftungsrats gestreut werden. Nicht minder fragwürdig ist die Drohung der beiden, man werde "nicht ewig warten". Der Stiftunsrat solle sich also schleunigst für sie entscheiden, sonst könnten sie es sich anders überlegen. Wie sich hier Arroganz mit Selbstüberschätzung verbindet, das ist schon eindrucksvoll. Die Welt als Wille und Vorstellung und PR-Kampagne.
Man kann nur hoffen, dass sich der Stiftungsrat von dem halbgaren PR-Aktionismus oder gar den Drohungen der 29jährigen Katharina Wagner nicht beeindrucken läßt, sondern ruhig und besonnen nach den besten Möglichkeiten für die künftige Leitung der Bayreuther Festspiele Ausschau hält. Eine könnte auch darin bestehen, Thielemann ins Boot mit Nike Wagner und/oder Eva Wagner-Pasquier zu holen, wenn der Maestro denn schon so grosse Ambitionen für Bayreuth hat. In jedem Fall sollte ein Vertrag zunächst auf maximal fünf Jahre befristet sein, dann wird sich bald zeigen, wer tatsächlich Ideen für Bayreuth entwickelt und wer sich nur wichtig machen will.
Anhang:
Eine seltsame Vorstellung bot im übrigen die FAZ bei der Präsentation des Interviews. Die Zeitung überraschte durch ein erstaunliches Maß an Kritiklosigkeit auf der einen und einen unangenehm boulevardesken Stil auf der anderen Seite. Da wird Katharina Wagner als "Diva des Klassikbusiness" bezeichnet, vor kurzem sogar als "Lady Di des Klassikbusiness" (17.9.). Das wäre vermutlich selbst der "Gala" zu kitschig gewesen. Hofft die FAZ damit besonders witzig zu sein?
Ferner heisst es in dem Kommentar der gleichen Autorin auf der Titelseite: "Ob Fluch oder Pflicht: auch Urenkelin Katharina Wagner (...) wird ihr ganzes Leben dem Wagnerschen Werk weihen wollen."
Wie kommt ein solcher Schwulst eigentlich auf die Seite eins der FAZ? Welches Bild von Journalismus wird hier praktiziert? Weiter unten im gleichen Kommentar, der eigentlich keiner ist, heißt es: "...wispert es durch alle Wagnerverbände: Wird diese schockierend selbstbewusste Walküre 2013 den nächsten Bayreuther "Ring des Nibelungen" inszenieren?" Hat die Autorin alle Verbände befragt oder hat sie die Frage in einem Anfall von Sensualismus erspürt?
Schlimmer als diese stilistischen Fehlleistungen aber ist eine objektive Falschmeldung auf der Titelseite. Unter der Überschrift "Bewerbung um die Bayreuther Festspielleitung" steht der Satz: "Katharina Wagner und Christian Thielemann stellen gemeinsames Konzept vor".
Im Interview stellt sich dann heraus, dass das gemeinsame Konzept eben noch nicht vorgestellt bzw. veröffenlticht wurde.
Man kann sich nur wundern, mit welch fragwürdigen Mitteln hier ein Flaggschiff der deutschen Presse Sensationsberichterstattung betreibt.
Robert Jungwirth
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