Über Gegensätze hinweg

Beethoven Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll, Sibelius Symphonie Nr. 5
Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan, Solist: Glenn Gould
Sony classical

Diese CD ist wahrlich eine Rarität und sie gehört zum Erstaunlichsten, was in diesem Karajan-Gedenkjahr bislang auf den Markt kam. Über 50 Jahre schlummerte dieser Mitschnitt, eines Live-Konzerts, das die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Herbert von Karajan zusammen mit dem Pianisten Glenn Gould als Solisten am 24., 25. und 26. Mai 1957 im Konzertsaal der Berliner Musikhochschule gaben, in den Archiven des Berliner Rundfunks. Jetzt erst wurden die Aufnahmen digital bearbeitet und als CD herausgebracht. Es war das erste Mal, dass die beiden musikalischen Antipoden Gould und Karajan aufeinander trafen. Auf der einen Seite der 49jährige publikumsverliebte Pultstar Karajan, der auf opulente Klangentfaltung setzt, auf der anderen Seite der 25jährige publikumsscheue Eigenbrötler und leidenschaftliche Opernhasser Gould, mit seinem motorischen Gestus und seinem prononcierten Anschlag, der immer sehr klar, transparent und unromantisch wirkt.
Doch der Respekt, mit dem beide Musiker einander begegnen, bringt sie auch musikalisch zusammen, lässt sie sich einander annähern. Goulds Spiel wirkt hier sehr entspannt ohne alle Nachdrücklichkeit, er hört sehr genau auf das Orchester, spielt keinesfalls dagegen. Was beide Musiker gemeinsam haben, ist das Energetische, das auf Spannung hin ausgerichtete Musizieren.
Vielleicht am beeindruckendsten gelingt jedoch der langsame Satz, in dem Gould und das Orchester unglaublich innig und gefühlvoll miteinander musizieren und eine Einheit erreichen, die es in den schnelleren Sätzen so nicht gibt. Hier kann man auch nachvollziehen, was Karajan über Gould einmal gesagt haben soll: "Als ich Gould hörte, hatte ich das Gefühl, als spielte ich selbst, so genau entsprach sein Musizieren meinem eigenen Verständnis von der Musik."
Auf dem Programm des Konzerts damals standen zwei weitere Werke, Paul Hindemiths Symphonie "Mathis der Maler" - diese Aufnahme wurde allerdings versehentlich in den 60er Jahren gelöscht - sowie die fünfte Symphonie von Jean Sibelius, die erhalten blieb und ebenfalls auf der CD zu hören. Karajan lässt die Musik des großen finnischen Komponisten vielfältig schillern, legt viel Wert auf flexible Akzentuierung der einzelnen Stimmen, gelegentlich klingt das Orchester allerdings auch ein wenig hölzern.
Insgesamt aber ist diese CD eine absolute Entdeckung und wärmstens zu empfehlen.

Robert Jungwirth

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