Der schillernde Maestro

Der Dompteur am Werk Foto: Lauterwasser / DG

Roswin Finkenzeller: "Das Phänomen Karajan - Ein Divertimento von Roswin Finkenzeller"
Societäts-Verlag 2008, 144 Seiten, 14,80 Euro

Mitte der sechziger Jahre hörte der politische Journalist Roswin Finkenzeller zum ersten Mal ein Konzert mit Herbert von Karajan. Werke von Mozart, Beethoven, Richard Strauss und Josef Strauß standen auf dem Programm. "Ich bedauerte die vier erwähnten Komponisten" schreibt Finkenzeller in seinem gerade erschienenen Buch über Herbert von Karajan, "weil sie keine Gelegenheit mehr hatten, solche Konzerte zu hören...". Seine Bewunderung für den Dirigenten hält bis heute an. Rechtzeitig zu Karajans 100. Geburtstag am 5. April veröffentlichte der Societäts-Verlag in Frankfurt Roswin Finkenzellers Buch mit dem Titel "Das Phänomen Karajan".

"Das Phänomen Karajan" betitelt der Frankfurter Publizist und einstige politische Korrespondent der FAZ Roswin Finkenzeller sein kleines, 144 Seiten-Büchlein über Herbert von Karajan. Der Untertitel "Ein Divertimento von Roswin Finkenzeller" hält, was er verspricht. "Divertimento" - das war vor allem im 18. Jahrhundert ein wohl bekanntes und beliebtes, mehrsätziges Instrumentalstück. Und wie der italienische Name schon verkündet, bei einem "Divertimento" geht es um "Vergnügen". Heiter, unterhaltsam, ein wenig tänzerisch waren etwa die zahlreichen Divertimenti von Wolfgang Amadeus Mozart, bei denen es auch immer eine tiefgründige Note, ein fragendes Element gab. Diese Hommage an den schillernden Maestro, sorgt vor allem für vergnügliche Lesestunden. Selten wurde Biographisches, das doch in so manchem dicken Wälzer unendlich öd sein kann, mit so viel sprachlichem Witz, Ironie, Charme und Phantasie erzählt.

"Oft hat sich Herbert von Karajan vor mir verneigt..." - so beginnt Roswin Finkenzeller seine Gedanken zu Karajan, um fortzufahren: "...Denn jahrzehntelang war ich Teil seines Publikums." Finkenzeller war vielleicht so etwas wie ein Trabant des Dirigenten, er folgte ihm nicht nur in seine Konzerte, er lernte ihn auch persönlich kennen, verschaffte sich über Karajans Sekretär einen Interviewtermin, und war überrascht, wie "höflich und durchaus unkompliziert" der Maestro im Gespräch war, - vorausgesetzt man stellte klare und kluge Fragen.

Unter Überschriften wie "Motto", "Besessenheit", "Furtwängler", "Verleumdungen" oder "Klang" erfahren wir etwa, dass Kollege Georg Solti Karajan wohl oder übel für den bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts hielt: Finkenzellers Motto. "Besessen" war Karajan, weil er den besten Orchestern, den Berliner oder Wiener Philharmonikern etwa, unzählige Proben abverlangte, und an Sternstunden nur glaubte als verdienten Lohn für harte Arbeit. Anders als manch anderer Dirigent. Wilhelm Furtwänglers Eifersucht auf den jüngeren Karajan läßt einen schmunzeln. Im Kapitel "Verleumdungen" sucht Finkenzeller die zahlreichen medial ausgeschlachteten Klischees über Karajan zu karikieren. Das in 18 Kapiteln gegliederte Büchlein ist klug, da erstaunt es, dass der Autor nicht doch ein schärferes Licht auf die Selbst-Inszenierung des durchaus medien-verliebten Dirigenten geworfen hat.

Roswin Finkenzeller bewundert und schätzt Karajans Fähigkeiten: sein unglaubliches musikalisches Potenzial als Orchestererzieher, als genialen Begleiter von Sängern, er zollt dem Visionär der eigenen medialen Vermarktung, dem Festivalleiter, dem Herrscher über ein musikalisches Imperium Respekt. Manchmal fallen abwertende oder belächelnde Bemerkungen über Karajans Kollegen, Celibidache etwa. Da steht der Maestro dann noch größer da. Auch Karajans Misserfolge werden genannt, wie etwa eine schlecht besetzte Tosca-Produktion bei den Salzburger Osterfestspielen 1988, und vor allem der traurige Abschied, der Rücktritt als Chef der Berliner Philharmoniker wenige Monate vor seinem Tod. Das Büchlein regt zum Nachdenken an. Einer der größten und faszinierendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts wird aus ungewohntem Blickwinkel und sehr kurzweilig porträtiert.

Elisabeth Richter


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