Thomas Zehetmair als Solist und Dirigent beim Münchner Kammerorchester
(München, 22. Juli 2010) Wieder einmal war das Programm vom Feinsten. Der Bogen spannte sich von Schönbergs frühen Walzern, in denen das Münchner Kammerorchester zeigte, wie viel unterschiedliche Gesichter der Dreivierteltakt schneiden kann, bis zu Beethovens Spätwerk. Und weil am Pult mit Thomas Zehetmair ein renommierter Geiger stand, fehlten die solistischen Glanzpunkte nicht. Für die hatte er sich allerdings Quartett-Partnerin Ruth Kilius mitgebracht.
In Mozarts Sinfonia concertante schälten sich die beiden - er forsch an der Geige, sie eine Spur versonnener an der Bratsche - nur zu ihren Solo-Passagen aus dem Tutti der Kammerorchester-Kollegen. Sie imitierten einander mit spielerischem Witz, sangen voll zarter Melancholie (Andante) und ließen im Presto die Funken sprühen - vom Orchester animiert unterfüttert.
In den kurzen Skizzen für Violine und Viola, Heinz Holligers Replik auf Mozart, bewiesen die Solisten ihren souveränen Umgang mit Zeitgenössischem: Im hauchzarten Flageolett-Gespinst der Pirouette, in der hummelflugartigen, wilden Danse dense und im Klangamalgam von Instrumenten und Stimmen des Cantique à six voix. Hohe spieltechnische Kompetenz und künstlerisch-interpretatorische Sensibilität machten die drei Petitessen zu einem (intellektuellen) Hörvergnügen.
Auch Beethovens vorvorletztes Streichquartett cis-Moll op. 131 ist eine Herausforderung für Interpreten wie Zuhörer. Die Streichorchesterfassung (oft nicht unproblematisch) von Dimitri Mitropoulos schien die Zerrissenheit und Zeitlosigkeit noch zu steigern. Zehetmair, an der Moderne geschult, durchleuchtete die Komplexität der Sätze, strukturierte sicher, glättete nirgends und führte die enorm präzis und ausdrucksstark spielenden Musiker zu einer Topleistung. Riesenbeifall.
Gabriele Luster