Eindrücke von der Kammermusikwoche auf Schloss Elmau
(Elmau, im Januar 2012) Es spricht entschieden für die Lebendigkeit der aktuellen Kammermusikszene, dass es nicht nur zahlreiche junge Ensembles gibt, sondern dass auch viele bekannte Solisten gerne und oft in Kammermusikformationen auftreten. Das schafft zusätzliche Aufmerksamkeit und sichert natürlich auch einen hohen Standard.
Die beiden aus Frankreich stammenden Ausnahmemusiker Renaud und Gautier Capucon sind seit Beginn ihrer Karrieren auch als Kammermusiker aktiv. Und beide wurden dafür auch bereits mit Preisen bedacht (2007 erhielt Renaud z.B. den ECHO Klassik für die "Kammermusik-Einspielung des Jahres).
Bei der traditionellen Kammermusikwoche auf Schloss Elmau konnte man die Brüder mit ihrer seit mehreren Jahren bestehenden Quartettformation zusammen mit der Geigerin Aki Saulière und der Bratscherin Béatrice Muthelet erleben. Herausragend ihre Wiedergabe des g-Moll-Quaretts ihres Landsmanns Claude Debussy, das die vier mit schwereloser Virtuosität und klarer, intensiver Tongebung spielten. Ein solches Auf-den-Punkt-Musizieren mit einem Höchstmaß an dynamischer Flexibilität und rhythmischem Spielwitz (2. Satz) bekommt man nur selten zu hören.
Auch Schuberts c-Moll-Streichquartettsatz hatte von Flexibilität in Dynamik und Tongebung getragenen Tiefgang und auch Wolfgang Rihms kurios-virtuoser Quartettsatz "Fetzen 1", den die vier Musiker zwischen Schubert und Debussy eben mal locker einstreuten, gelang souverän. Wenn man einen so selbstverständlichen Umgang mit den Epochen doch öfter in Konzerten erleben könnte! (will heißen: wenn es doch nur mehr Veranstalter gäbe, die solches ermöglichen!).
Dass Schumanns F-Dur-Quartett in diesem Reigen seliger Kammermusikgenüsse etwas abfiel, sich die Musiker in den Stück wohl noch nicht ganz heimisch fühlen (vor allem 2. Violine und Bratsche) war da leicht zu verschmerzen.
Die Absage der norwegischen Geigenwunderfrau Vilde Frang sorgte selbstverständlich für viel Enttäuschung, die der aus Usbekistan stammende Pianist Michael Lifits, der als Begleiter für Vilde Frang vorgesehen war, mit seinem Soloauftritt auch nicht dämpfen konnte. Zumal sich Lifits mit einigen Mozartpetitessen und Schumanns Carnaval vor allem als reichlich manirierter Musiker vorstellte. Es ist ja schön, auf Kontraste zu setzen, vor allem bei Schumann, aber deshalb muss man ja nicht gleich wie ein Karatekämpfer auf den Flügel eindreschen. Manches klingt bei diesem Pianisten einfach mehr grob als kraftvoll und auch Lifits Pedaleinsatz ist übertrieben, vor allem bei Mozart. Auch wenn Lifits nach seinem Wettbewerbserfolg beim Busoni-Wettbewerb 2009 nun bei Universal unter Vertrag steht, künstlerisch überzeugend war das (noch) nicht, was man in Elmau von ihm zu hören bekam. Da braucht es wohl noch etwas an künstlerischer Reife...
Sonja Wieder-Athertons Bearbeitungen jüdischer Kantorengesänge für Cello und Klavier, die die amerikanische Cellistin zusammen mit dem Pianisten Bruno Fontaine spielte, sind klangsatt und empfindungstief, woran sich Schostakowitschs abgrundtief lotende Cellosonate düstergrau anschloss.
Die Kammermusikwoche auf Schloss Elmau dauert noch bis zum 14. Januar, daran schliessen sich Auftritte von Gidon Kremer mit seiner Kremerata Baltica an.
Robert Jungwirth