CD-Rezension

Johannes Kalitzke: "Vier Toteninseln" für Orchester mit zwei Solisten, "Six Covered Settings" für Streichquartett (Stadler Quartett). Deutsches Symphonie-Orchester Berlin. Leitung, Johannes Kalitzke. Kairos 12702KAI.

Keine "Toteninsel" ohne Böcklin. Anders als Sergej Rachmaninow bezieht sich Johannes Kalitzke in seinen "Vier Toteninseln" mehr auf einen Komponisten (und Zeitgenossen Böcklins), und zwar auf Johannes Brahms und dessen "Vier ernste Gesänge", als auf den Schweizer Maler. Das verbindende Thema bleibt jedoch: der Tod, das Sterben. Für Kalitzke ist Brahms' vorletztes Opus wie der Blick aus einer mit "Bibeltexten abgesicherten Uferstelle (...) in einen dunklen Raum". Hört man die 2002/03 entstandene Musik für Orchester mit zwei Solisten wird klar, dass sich daran auch bei Kalitzke wenig geändert hat. Der Tod ist ein Geheimnis noch heute und etwas Furcht Erregendes, das wir philosophisch in Griff zu bekommen versuchen. Als Hörer "blicken" wir in Kalitzkes "Vier Toteninseln" auf ein chaotisch brutales Jen- oder Diesseits (erster Satz). Wir schweben im zweiten Satz auf verführerisch hohen Geigenlinien dem mit Texten von Byron herbeigesehnten Tod entgegen. Und verlieren im vierten Satz vollends den Boden unter den Füssen: Auf Brahms' op. 121 basierende Spektralsounds und eine raffinierte gläserne Instrumentation verklären hier den "Blick" des Hörers. Einnehmende Musik ist das, fast ein wenig zu sehr zum Dahinsinken. Thomas E. Bauer hält dem Stand. Sein konzentrierter Bariton ist von einem hellen Vibrato umflort - ideal!

Im Booklet wird Kalitzkes Kompositionstechnik des "Überschreibens" erläutert. Ein Thema, das den Komponisten bereits in den "Six Covered Settings" für Streichquartett beschäftigt hat - als musikalische Technik und als inhaltliche Basis einer todernsten, aber moralfreien Vergänglichkeits-Musik, die den Hörer tief treffen kann.

Benjamin Herzog

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