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Macht hellhörig: Musik von Mauricio Kagel Foto: Edition Peters

Mit einem Porträtkonzert gedachte die Musica Viva des Komponisten Mauricio Kagel - und führte posthum ein Stück von ihm urauf

(München, 22. April 2009) Als Mauricio Kagel im vergangenen September in seiner Wahlheimat Köln 77jährig starb, verlor die Musikwelt einen ihrer klügsten und originellsten Köpfe. Einen Künstler, der dem Musikbetrieb und all seinen Fragwürdigkeiten und Absurditäten in vielen seiner Werke eine lange Nase gezogen hat, der es wie kein zweiter verstand, in seiner Musik scharfsinnigen Intellekt und hintergründigen Humor miteinander zu verbinden. Daß sich der gebürtige Argentinier russisch-jüdischer Abstammung, der in Buenos Aires bei Borges Literatur studiert hat, in der Karnevalsstadt Köln so wohl fühlte, war sicher kein Zufall.

Bis zuletzt hat Kagel gearbeitet und komponiert, seine Vertonung von Heine-Gedichten für Tenor und Instrumentalensemble, die er unter dem Titel "In der Matratzengruft" zu einem Zyklus zusammengefasste, hat er nicht mehr ganz zu Ende bringen können. In München hätte er das Werk im Rahmen der Musica Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks, die es auch bei ihm in Auftrag gegeben hatte, uraufführen sollen.

Statt seiner tat dies jetzt Emilio Pomarico zusammen mit dem fantastischen Neue-Musik-Ensemble musikFabrik in einem wunderbaren Porträtkonzert für Maurico Kagel. Beschämenderweise war das Münchner Prinzregententheater nur etwa halb gefüllt.

Über seine "Matratzengruft"-Lieder schrieb Kagel: "In meinem Stück kristallisieren sich allmählich zwei thematische Stränge heraus. Der eine wurde durch die zunehmende Zerbrechlichkeit des todgeweihten Heines gebildet, der im Bewusstsein seines physischen Zustands der definitiven Regungslosigkeit - wie ein sich langsam leerender Luftballon - sein Leben beenden wird. Die nicht nachlassende Glut des Poeten, weit er zu dichten, bildet die zweite Ebene, ein Liebeswerben um den präzisen Ausdruck und die eindeutige Bedeutung sich reimender Worte. Beide Stränge treiben den chronisch Sterbenden ohne widerruf weiter."

Kagel gliederte die Texte in 15 Abschnitte, den galligen Humor von Heines später Lyrik setzte er mit mithilfe grotesker Instrumentenkombinationen (z.B. Tuba, Oboe und Klarinette) und eigentümlich verzerrter Melodieführung wunderbar stimmig musikalisch in Szene. Zu den Zeilen "Doch horch! Ein schollernd schnöder Klang ertönt unfern der öden Bühne, Vielleicht dass eine Saite sprang zu einer alten Violine" läßt die Geige einen grotesken Totentanz intonieren.

Der Gesangspart wechselt zwischen reinem Gesang und Sprechgesang, erfordert eine große Flexibilität in Stimme und Ausdruck. Der bereits etwas in die Jahre gekommene Engländer Martyn Hill war dafür wohl nicht die Idealbesetzung. Nicht nur wegen der Schwierigkeiten, die er immer wieder mit dem deutschen Text hatte, sondern auch weil seine überernsthafte Art die leichte Schwere der Texte und die dazu ideal korrespondierende Musik Kagels etwas konterkarierte.

Deutlich überzeugender war da schon, wie Barition Roland Hermann die "Verstümmelten Nachrichten" (1988/91) interpretierte. Das sind Zeitungsausschnitte vom Tag von Kagels Geburt am 24. Dezember 1931, die der Komponist so verfremdet hat, dass ihre ganze groteske Un-sinnigkeit deutlich wird, wie etwa die Ankündigung des japanischen Generals Honjó, die nordmandschurische Stadt Tschintschen zu "besetzen und von Banditen zu befreien". Im Anhören von Kagels gesungenen Nachrichten, nebst ihrer haarsträubend grotesken Begleitung durch kleines Ensemble, merkt man wieder, wie sehr wir Opfer der Informationsindustrie sind, die uns mit den Nachrichten füttert, die ihr genehm sind und uns dabei nicht viel mehr wissen lässt, als jenen Leuten nützt, die die Nachrichten verlautbart haben. Aufklärung und Medienkritik tut also Not, mehr denn je, und vor allem in diesen permanenten, volksverdummenden Wahlkampfzeiten! Auch das will uns Kagel sagen.

Den Beginn des Konzerts machte seine Parodie auf ein Salonorchester mit dem Titel "Westen" aus den Jahren 1993/94. 9 Musiker, an eher ungewöhnlichen Instrumenten wie Harmonium, Mundharmonikas und Holzblock mit Axt - neben gewöhnlichen wie Geige, Cello, Klarinette usw. wirbeln Elemente aus Dixie, Swing, Polka, Klezmer so absurd durcheinander, dass man glaubt ein Salonorchester wie durch ein akustisches Prisma zu hören. Ein unglaublich virtuoses, urkomisches Stück, das zeigt, das Neue Musik auch Spaß machen darf.
Es gibt leider nicht viele Komponisten, die diese Gabe so besitzen wie Kagel.

Heinrich Grün