Vertigo-Hamlet

Wunderbare Welt der Schwerkraft Foto: Monika Rittershaus

Christian Josts "Hamlet"-Vertonung an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt

(Berlin, 21. Juni 2009) Düstere Klänge, schwarze Geister, surreale, pantomimische Schauerszenen wie aus dem Kabinett des Dr. Caligari: Bei Christian Josts musikdramatischer "Hamlet"-Adaption, die jetzt an der Komischen Oper Berlin zur Uraufführung kam, wähnt man sich drei Stunden lang in einem einzigen Alptraum.

30 Jahre lang hat sich der gebürtige Trierer, Jahrgang 1963, mit dem Gedanken einer Vertonung dieses Shakespearschen Dramas für die Opernbühne getragen, an das sich im Gegensatz zu "Othello", "Macbeth", "Romeo und Julia" oder "Lear" erstaunlicherweise zuvor kein anderer Komponist heran wagte. Ein ehrgeiziges Projekt also, für das Jost eine ganz treffende, neuzeitliche Tonsprache gefunden hat: Aus einem dunklen, flirrenden Urgrund entsteht eine atmosphärische Musik, in deren weiterem Verlauf alle Orchestersektionen effektreich zum Einsatz kommen, sei es nun das Solo-Cello mit elegischen Lamenti, das Blech mit gellend, aggressiven Ausbrüchen oder Perkussionsinstrumente, die Ophelias Wahnsinn und Tod ankündigen.

Jost war allerdings gut beraten, nicht das ganze Drama eins zu eins in Musik umzusetzen, sondern sich auf einzelne Teile zu beschränken. Sie ergeben in loser Reihenfolge 12 Tableaux. So gelingt eine Konzentration auf die psychologischen Kernkonflikte des Dänenprinzen, der sich aus seiner eigenen, schuldhaft verstrickten Familie befreien und seinen Platz in der Welt finden muss.

Jost hält sich weitgehend an Schlegels deutsche Übersetzung, die er mitunter behutsam modernisiert, bevorzugt an herausgehobenen Stellen sogar Shakespeares englische Originalversion. Und doch gestattet er sich auch künstlerische Freiheiten, die die geheimnisvolle, finstere Wirkung verstärken: Der Geist des ermordeten Dänenkönigs etwa, er tritt hier mehrköpfig in Gestalt eines ganzen Gespensterchores auf, Hamlets berühmte innere Monologe wie "Sein oder Nichtsein" überträgt Jost ebenfalls dem Chor.

Solche düsteren Schattenreich-Visionen korrespondieren ideal mit der halb-surrealen, sehr stilisierten Inszenierung Andreas Homokis, dem eine dichte Personenregie gelingt. Sein kongenialer Bühnenbildner Wolfgang Gussmann braucht nicht mehr als eine Wendeltreppe und eine kippbare Scheibe, mittels derer sich das Geschehen wechselweise in eine Unter- und eine Oberwelt verlegen lässt. In den Tiefen hocken die Geister und Hamlets Unterbewusstes. Auf der oberen Ebene wiederholt sich das Trauma des Königsmords als surreales Spiel.

Vor allem aber sind es rasante Vertigo-Effekte, die ganz der Musik entsprechen: Wie Hamlet, sein Freund Horatio, die an schlechtem Gewissen leidende Gertrud und die unglückliche, todessehnsüchtige Ophelia die Treppe atemlos herauf- und herunterhasten, sich mitunter das ganze Gewinde im Crescendo der Klänge nach oben schraubt - da kann einem schwindlig werden.

Natürlich steht und fällt diese Produktion zu einem Großteil mit ihrem vorzüglichen Ensemble. Hohe Erwartungen galten vor allem der deutsch-griechischen Protagonistin Stella Doufexis, die sich nicht nur mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die anspruchsvolle, tückenreiche Partitur ihres Ehemanns bewegt, sondern mit expressiver Mimik auch an Asta Nielsen erinnert, die als erster weiblicher Hamlet Filmgeschichte schrieb. Doch steht Doufexis mit ihrer phänomenalen Leistung keineswegs allein auf weiter Flur, denn auch alle übrigen größeren Partien konnte die Komische Oper überraschend stark besetzen: Karolina Andersson lässt mit selten gehörten schwebenden Kopftönen als Ophelia aufhorchen, Jens Larsen meistert als Königsmörder Claudius mitunter diffizile Sprünge von tiefster Mittellage ins Falsett. Gertrud Ottenthal gibt der Königsgattin Gertrud das Profil einer ebenso skrupellosen wie angsterfüllten Klytämnestra, Peter Renz und Caren van Oijen brillieren als clowneskes Pärchen Güldenstern und Rosenkranz. Dass alles ein homogenes Ganzes bildet, dafür sorgt Carl St. Clair am Pult, der es aus dem Orchestergraben bis zur letzten Minute geheimnisvoll knistern lässt.

Einhelliger Jubel für alle. Die Opernwelt ist um eine wertvolle Shakespeare-Vertonung reicher!

Kirsten Liese

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Ins Gästebuch eintragen

Kommentare zu diesem Artikel

Anzeige: 1 - 1 von 1.
 

Dienstag, 23-06-09 00:40

klaus kalchschmid aus münchen

na immerhin "Hamlet" von ambroise thomas gibt es ja schon ...