Ton Koopman führt Bachs Johannespassion mit dem Chor und dem Symphonieorchester des BR auf
(München, 27. Februar 2010) Der Star des Abends war der Tenor Mark Padmore. Obwohl Bach den Evangelisten in seiner Johannespassion sängerisch ohnehin bis zum Äußersten beansprucht, lud Padmore die Partie mit einer solchen Intensität des Erzählerischen auf, wie man es kaum jemals erlebt hat. Auf das übliche distanzierte Näseln verzichtete der Engländer dabei vollständig, sang den Passionsbericht mit einer Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, als wäre er selbst dabei gewesen. Und so wurden die Passagen, die die Gewalt gegen Jesus schilden, - obgleich schon hunderte Male gehört - zu erschütternden Leidensberichten, am stärksten wohl im Rezitativ "Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn", in dem Bach die Geissel in gezackten, Sechzehntel- und Zweiundreißigstelbewegungen niedersausen lässt. Deklamation und Textverständlichkeit waren bei Padmore zudem vorbildlich.
Vieles, was Mark Padmore an diesem Abend sang, meinte man das erste Mal zu hören, so plastisch trat einem das Passionsgeschehen vor Ohren. Und genau das war es, was Bach mit seiner Johannespassion - im Gegensatz zur elegisch-kontemplativen Matthäuspassion - schließlich auch erreichen wollte.
Auch sonst erklang diese Passionsaufführung auf hohem Niveau, vor allem durch den sehr präsenten Chor des Bayerischen Rundfunks (einstudiert von Tanja Wawra), der wunderbar beweglich zwischen Betrachtung und Aktion hin und her wechselte, dabei aber niemals überagierte. Vielleicht hätte man dynamisch noch etwas mehr Kontraste bringen können, z.B. im zweistrophischen Choral "Wer hat dich so geschlagen" oder auch in dem einen oder anderen Turbae-Chor.
Das teilweise mit alten Instrumenten aufspielende Symphonieorchester des BR unter dem Alte-Musik-Spezialisten Ton Koopman, der auch die Orgel bediente, bemühte sich um barocke Klangfarben und entsprechender Artikulation, was nicht durchgängig auf gleichem Niveau gelang. Während der Beginn mit dem verzweiflungsvoll irrenden Orchestervorspiel wunderbar geriet, blieb z.B. die Tenorarie "Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken..." mit der Begleitung durch die beiden Viole d'amore definitiv zu brav und blass. Die hinzu engagierte Gambistin Friederike Heumann dagegen zeigte sich erwartungsgemäß auf der Höhe ihrer Kunst.
So mir nichts dir nichts macht man aus einem vornehmlich dem großen Orchestersound verpflichteten Ensemble eben kein Barockorchester - bei allem guten Willen aller Beteiligten.
Von den Solisten überzeugten außerdem Mathias Hausmann als Pilatus, die ein wenig wie ein Knabensopran klingende Johannette Zomer und nach verhaltenem Beginn auch Andreas Scholl mit der Altpartie. Klaus Mertens als Christus agierte leider etwas sehr würdevoll-zurückhaltend.
Richtig störend aber war nur eines: die Pause nach dem ersten Teil, also nach ca. 40 Minuten, in der man den Zuschauerraum des Prinzregententheaters zu verlassen hatte und die Sektbar belagern konnte. Das war dann doch etwas unpassend.
Heinrich Grün