Jessye Norman gibt einen umjubelten Liederabend in München
(München, 9. März 2008) Sie kam, sang und siegte. Jessye Norman ist neben Montserrat Caballé die letzte wirkliche Diva unter den Sängerinnen unserer Zeit. Eher fraglich, ob Frau Netrebko es jemals soweit bringen wird, allem gegenwärtigen Rummel um ihre Person zum Trotz. Als Diva wurde Jessye Norman denn auch vom Münchner Publikum gefeiert bei ihrem Liederabend: mit standing ovations und einer Schlange von Blumenüberreichern und -überreicherinnen zum Schluß des Konzerts. Während die Caballé mittlerweile auf große Solo-Auftritte weitgehend verzichtet, hat die Norman bei ihren Liederabenden mit Klavierbegleitung (stilsicher und flexibel, aber vielleicht etwas zu verhalten Mark Markham) noch immer stimmlich überaus Beeindruckendes zu bieten. Und das auf unterschiedlichstem stilistischem Gebiet. Wenn sie etwa als Zugabe die phantastische "Zueignung" von Richard Strauss singt, mit all dem Schwung und der Kraft einer noch immer perfekt geführten Stimme, die sich ohne alle künstliche Forciertheit zum raumfüllenden Forte aufschwingt, dann ist man schon hingerissen.
Jessye Norman war schon immer ein Stimmphänomen, der einzigartige Klang ihrer Stimme, die Füllle und die Strahlkraft ihres Mezzos waren und sind ohne Vergleich. Dennoch war es längere Zeit still um die große Sängerin, die doch vor allem in den 80ern und frühen 90er Jahren ihre größten Erfolge feierte.
Dass sie nun in vorgerücktem Alter mit einem Programm unterwegs ist, das sich kaum eine andere Sängerin zumuten würde - von Schubert und Wolf bis zu Mahler, Wagner, Berlioz, Messiean, Weill und Gershwin reicht die schier unglaubliche Palette - das ist zudem höchst erstaunlich. In stetem Wechsel springt die Norman in ihrem jahreszeitlich gegliederten Programm von einem Jahrhundert ins nächste. Dabei ist ihr jedes Lied ein eigener Kosmos an Ausdruck und Gestaltungswille. Zärtlich in Mahlers "Ich atmet' einen Lindenduft", mit großer Stimme und Emphase in Bergs "Sommertage", mit wunderbar intensivem Mezzopiano in Schuberts "Winterabend" und theatralischer stimmlicher Gestik im Ständchen von Strauss. Nur in die "Träume" aus den Wesendonck-Liedern von Wagner schleichen sich ein paar Manierismen ein, wenn sie die dunklen Vokale extra dunkel abtönt und etwas verschleppt.
Doch das tut dem Gesamteindruck natürlich keinen Abbruch, und so hoffen wir auf ein baldiges Wiedersehen.
Robert Jungwirth