Barbara Freys und Kirill Petrenkos grandiose "Jenufa" in München
(München, 8. April 2009) Es war einer der raren, hinreißend intensiven Opernabende, bei denen einem permanent ein Kloß im Hals steckt und es einen immer wieder Tränen in die Augen drückt. Denn die minutiöse Präzision, mit der jeder Einzelne im Orchester und alle Beteiligten auf der Bühne die grausame Vorgeschichte, die Tat und das Nachspiel eines Kindsmords bei der Premiere der neuen "Jenufa" von Leos Janácek an der Bayerischen Staatsoper boten, ist nicht hoch genug zu loben.
Barbara Frey bewies bei ihrer ersten Opern-Regie (der im Musiktheater lediglich eine Basler "Fledermaus" vorausging), dass Sänger mit derselben Genauigkeit und demselben stilisierten Realismus spielen können wie Schauspieler - und dabei noch phänomenal gut singen; dass eine vergleichweise konventionelle, aber auf den Punkt "richtige" Regie enorme Energien freisetzen kann. Kirill Petrenko wiederum offenbarte bei seinem Staatsopern-Debüt ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen in die Partitur.
Unwirtlich die Bühne (Bettina Meyer), auf der sich das Drama "aus dem mährischen Bauernleben", so der Untertitel, abspielt: Vorne ragen Felsen aus dem festgebackenen Schlick, der auch Abfall wie rostige Fässer halb versenkt hat. Vor bleiernem Himmel nimmt man an der Hinterbühne zwei der futuristisch furchterregend sich drehenden modernen Windmaschinen wahr. Hier weht ein eiskalter Wind, scheint die Sonne kaum und das Beste ist es wohl, sich zu betrinken. Der junge Steva tut das denn auch ausgiebig und immer wieder. Dabei hat er sich aber so wenig unter Kontrolle, dass er sich nicht nur der Frau, der er ein Kind gemacht hat, widmet, sondern allen anderen Röcken ringsum auch, bevor er vor allen Leuten erneut über Jenufa herfällt.
Man muss das so drastisch beschreiben, weil Barbara Frey einen Sänger wie den wunderbaren kanadischen Tenor Joseph Kaiser dazu bringt, diese Mischung aus Naivität, Gewaltsamkeit und sexueller Gier eines kräftigen, hübschen Mannes im Suff in jeder Sekunde darzustellen, ja diese bemitleidenswerte Schwachheit eines Prackls auch zu singen. Wenn er im zweiten Akt in der kleinen, miefigen Kammer mit Kruzifix und Minifernseher, gebaut auf Pfählen, erstarrt ob der Tatsache, dass er einen Sohn hat von der Frau, die sein "Nebenbuhler" Laca durch einen Schnitt im Gesicht entstellt hat, dann glaubt man diesem großen unreifen Jungen die Panik und dass er nicht anders kann, als sich aufs Alimentezahlen zu beschränken. Man sieht ihm auch das blanke Entsetzen an, wenn er am Ende begreifen muss, dass seine Schwachheit und seine Eitelkeit das Leben seines kleinen Sohns gekostet hat.
Dass er in diesem Augenblick genauso ohnmächtig auf den Boden schlägt, wie am Ende des zweiten Akts die Stiefmutter Jenufas, die gerade das Baby durch ein Loch im Eis versenkt hat und nun im Augenblick, als sie Jenufa und den Ersatz-Mann Laca segnen will, kollabiert und ohnmächtig wird, das sind zwei der zahlreichen grandiosen Momente dieser Inszenierung, die noch im dritten Akt, als der Wind der kleinen Kammer Dach und zwei Wände weggefegt hat, die Geschichten von Randfiguren prägnant und doch wie nebenbei erzählt. Etwa die vom Richter und seiner Frau, die eifersüchtig durch das Tanzen ihres Mannes mit anderen Frauen auf der Hochzeit einen halben Guglhupf in sich hineinstopft.