Christoph Schlingensief verknüpft die szenische Uraufführung "Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna" an der Deutschen Oper Berlin mit seinem eigenen künstlerisch-mystischen Kosmos
(Berlin, 2. Mai 2008) Nein, diese Johanna ist keine unantastbare Heilige - jedenfalls nicht nur: Sie ist ein Mensch mit Sehnsüchten und Schwächen, erfüllt von ihrer göttlichen Mission und einem unbeirrbaren Glauben, aber auch von Lebensdrang und sehr irdischer Liebe, ein Mädchen, das sich auflehnt gegen den drohenden Märtyrertod und dann doch sieghaft sein Schicksal annimmt. Zweifel, Doppeldeutigkeit, Unsicherheit prägen das Geschehen, kein abgeklärtes Heilsversprechen, sondern ein Kampf mit ungewissem Ausgang. Davon zeugt augenfällig die Gestalt des Gilles de Rais, der als zweite Hauptfigur neben Johanna tritt: der treue Gefährte, über dem von Anfang an ein dunkler Schatten liegt und der sich später zum Massenmörder und Kinderschänder Blaubart wandeln wird. Als Johanna auf dem Scheiterhaufen verbrennt, scheinen die Skeptiker Recht zu behalten, scheint das Böse gesiegt zu haben - doch, so verkündet am Ende das Volk, ein Wunder ist geschehen: Johannas Herz "verbrannte nicht", das Gute behält die Oberhand.
Im Leben der Jeanne d'Arc fand Walter Braunfels - unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert, gefeierter Komponist der Weimarer Republik, von den Nazis verfemt - Parallelen zu seinem eigenen Schicksal. Auch wenn er sich mit seinem Libretto eng an die seinerzeit in deutscher Übersetzung veröffentlichten Prozessakten hielt, schuf er ein Drama, in dem Heiligenlegende und profanes Geschehen einander durchdringen, in einer Abfolge in sich geschlossener Abschnitte, die schlaglichtartig einzelne Episoden aus dem Leben der Jeanne d'Arc beleuchten. Farbenprächtig und klanggewaltig ist die Musik, die Braunfels dazu zwischen 1938 und 1942 in Überlingen am Bodensee in innerer Emigration geschrieben hat, spätromantisch?berauschend, expressiv, bisweilen filmmusikalisch plastisch, stellenweise an liturgische Gesänge erinnernd, verknüpft mit Elementen aus der Sphäre des Jazz und der Unterhaltungsmusik; denkbar weit entfernt von der Vor- wie der Nachkriegsavantgarde, aber wirkungsmächtig.
Diesen vielschichtigen musiktheatralischen Kosmos reichert Christoph Schlingensief um eine weitere Dimension an: die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Sterben. Während einer Reise nach Nepal hat er sich mit der dortigen Praxis auseinander gesetzt, Menschen unmittelbar nach dem Tod öffentlich zu verbrennen; Videoprojektionen von solchen Verbrennungsritualen und Bühnenbild-Elemente, die darauf Bezug nehmen, kontrastieren mit dem der Öffentlichkeit entzogenen Sterben in einem Hospiz, dessen Betten in der Inszenierung allgegenwärtig sind.
Schlingensief und das dreiköpfige Regieteam, dem die Umsetzungen des Konzeptes für den erkrankten Erfinder oblag (Regisseurin Anna-Sophie Mahler, Spielleiter Søren Schuhmacher, Dramaturg Carl Hegemann), fanden starke, theaterwirksame Bilder: am eindrucksvollsten gleich zu Beginn, als auf einen durchscheinenden Vorhang projiziert ein blumengeschmückter Frauenleichnam erscheint, um dessen Kopf bereits kleine Flammen züngeln. Auf der Drehbühne selbst, die auf einer Seite einen sakralen Raum mit Elementen christlicher und asiatischer Kultur zeigt, auf der anderen Platz lässt für wechselnde Szenerien des Profanen, findet sich das wohlvertraute Arsenal Schlingensiefscher Bühnenmagie: Zwischen hohen Gerüsten, Betten und Bahren wuselt allerlei Volk in teils absurder Kostümierung, künstliche und lebende Tiere (widerspenstige Ziegen und eine gewaltige schwarzgefleckte Kuh), Kinder in weißen Kleidchen und adretten Kommunionsanzügen, Kleinwüchsige, ein spastischer Akrobat; das Ganze immer wieder von zuckenden Lichtinstallationen in eine unwirkliche Atmosphäre getaucht und mit teils etwas albernen Anspielungen befrachtet - Johannas Vater als Nikolaus im Rentierschlitten, eine nachgestellte Abendmahlszene: ein wirbelnder, atemloser Bilderreigen, der die Aufnahmefähigkeit übersteigt. Dennoch muss man weder Sinn für den doch recht heiligenkitschigen Stoff noch übermäßige Sympathie für Schlingensiefs assoziative Theaterkunst haben, um in diesen Strudel hineingezogen zu werden.
Der eindrucksvollen Inszenierung mindestens ebenbürtig ist das musikalische Nivau des Abends: Aus der durchwegs ausgezeichneten Sänger-Besetzung ragen die beiden Protagonisten heraus, die Amerikanerin Mary Mills, die ihr Debüt an der Deutschen Oper gab und mit leuchtendem Sopran und kindlich-naiver Ausstrahlung im weißen Kleidchen die Bühne beherrschte, und Morten Frank Larsen als dämonischer, kraftvoller und dunkel-charismatischer Gilles de Rais. In großartiger Verfassung zeigten sich auch Chor und Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Ulf Schirmer, der die klangmächtige Partitur sensibel ausgestaltete. Alles in allem nach einer unendlich scheinenden Serie von Missgriffen endlich wieder eine Produktion, die den angekratzten Glanz der Deutschen Oper aufpolieren könnte.
Eva Blaskewitz