Philippe Jaroussky und Jean-Christophe Spinosi wandeln in Salzburg auf den Spuren Farinellis
(Salzburg, Pfingsten 2009) "Wenn Engel sprechen könnten...", das Motto der Matinee mit Philippe Jaroussky im Haus für Mozart bei den Salzburger Pfingstfestspielen könnte man ergänzen - " ...dann bräuchten sie nicht zu singen...". Dem 31-jährigen französische Countertenor jedenfalls gelingt es an diesem Vormittag, dass der Zuhörer an Engel - und ihre Vertreter auf Erden - glaubt; so seraphisch schön, so rein und doch so aufregend vermag er Trauer und Verzweiflung, Wut und Leidenschaft in und mit Tönen zu imaginieren. Und wenn er traumverloren den letzten Rest Hoffnung im großen Melisma auf der Endsilbe von "speranza" in der Arie des Epitide ("Sposa, ...non mi conosci") aus Germiniano Giacomellis "Merope" (1668-1750) immer mehr hinauszögert, als wolle er sich an einen letzten Strohhalm hängen, dann vermag Jaroussky schlichtweg zu bezaubern.
Ähnlich Großartiges ereignet sich in der Arie "Sperai vicino il lido" des Imante aus "Demofoonte" von Egidio Duni (1709-1775) auf das erste Wort "Sperai" (ich hoffe) oder auf die Endsilben mancher Zeilen. Denn dort kommt das Singen eines Mannes, der immer wieder vergeblich Hoffnung schöpft und dabei metaphorisch Schiffbruch erleidet, permanent zum Stocken. Ebenfalls aus dieser Oper von 1737 stammt die herrliche Arie "Misero pargoletto". Fast nur im Pizzicato begleiten die Streicher die Verzweiflung des Timante und die obligate, von Jean-Marc Goujon wunderbar zart gespielte Traversflöte mischt fein schillernde Farben zu Jarousskys schwebendem Singen. Nicht minder sanft wiegend gelingt die Arie des Arbace ("Se al labbro mio non credi") aus Johann Adolph Hasses "Artaserse".
Dass der junge Franzose seine kostbare, außerordentlich charakteristisch und schön timbrierte, helle, obertonreiche Stimme nicht nur in langsamen Arien höchst musikalisch führen, sondern auch perfekt und mühelose Koloraturen in rasantem Tempo und mit unnachahmlichem Thrill singen kann, wie er überhaupt keinerlei technische Probleme zu haben scheint, das machen vor allem Arien aus Nicola Porporas "Polifemo" deutlich. Mit zwei weiteren ruhigen Arien als Zugaben verabschiedete er sich von seinem Publikum, das ihm neben zahlreichen Bravi zu Recht stehende Ovationen bereitete.
Kongenialer Partner für Jaroussky waren das Ensemble Matheus unter Jean-Christophe Spinosi. Vivaldi - die Sinfonia zur Oper "La fida ninfa" und das D-Dur-Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso Continuo (RV 513) -, vor allem aber das Konzert für Blockflöte, Traversflöte, Streicher und Basso continuo e-moll von Georg Philipp Telemann waren eine Bereicherung, keine bloßen Lückenfüller des Programms. Spinosi selbst spielte an der Seite von Laurence Paugan wie ein Derwisch Violine, während Luis Beduschi (Blockflöte) und Jean-Marc Goujon (Traversflöte) bei Telemann aufs Schönste harmonierten und duettierten. Und als dann im Finale ein von Spinosi auch verbal angefeuertes "Alla turca" so richtig losfetzte, wurde für einen Moment sogar der Star des Vormittags in den Hintergrund gedrängt.
Klaus Kalchschmid
Am Donnerstag, 4. Juni (20 Uhr) wird das Konzert in Dortmund wiederholt. www.klangvokal-dortmund.de