Auftakt nach Maß

Mit zwei Beethoven-Symphonien und einer Uraufführung von Jörg Widmann startete das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem Chef Mariss Jansons in die neue Saison

(München, 25. September 2008) Beethoven zieht immer, zugegeben, aber wenn auf seine Partituren so genau hingeschaut wird, sie so herrlich musiziert und so intensiv ausgereizt werden wie zu Beginn dieses von Mariss Jansons und den BR-Symphonikern geplanten Zyklus, dann gerät das Publikum zu Recht aus dem Häuschen.

Schon zu Beginn der Achten wurde deutlich, dass es Jansons nicht um süffigen Sound geht, dass er die Kontraste nicht einebnet, schroffe Übergänge nicht glättet, dass er Heterogenes bewusst formuliert und so den Spannungen immer auf der Spur bleibt. In all dem verrät Jansons Beethoven-Interpretation, dass er - obwohl kein Mann der historischen Aufführungspraxis - sich gleichwohl damit auseinandergesetzt hat.

Da wirkt der Mut, Heterogenität zuzulassen, auch im pikant hin getupften Allegretto. Der Dirigent und sein virtuoses, hoch motiviertes Orchester fächern die kontrapunktische Arbeit auf, legen Strukturen offen - etwa im ersten Satz der Siebten oder im Finale der Achten, obwohl dieses bei rasantem Tempo stellenweise etwas zusammenhanglos gerät.

Doch wie wunderbar fügen sich die Stimmen im trauermarschähnlichen, klanglich subtil ausgeleuchteten Allegretto der Siebten. Übermütig, sprühend und doch filigran gebaut, Richtung Schubert, gar Mahler weisend, darf sich das Scherzo (mit herrlichen Holzbläsern) gebärden, dessen Schlussgeste Jansons (wie manch anderer auch) gekonnt ausstellt. Und wenn zuvor schon, im Trio der Achten, Hörner, Celli und Klarinetten sich zu innigem Gesang verbünden, dann herrscht Beethoven-Glück.

Das übrigens mit Jörg Widmanns Ouvertüre "Con brio" virtuos und witzig eingeläutet wurde. Wie ein Jongleur führt der Münchner Komponist den Hörer mit seiner "Als-ob-Haltung" in die Irre, ins Geräuschhafte und keineswegs direkt zu Beethoven, dessen Gestus er gleichwohl fabelhaft imitiert und verfremdet. Ein Auftakt nach Maß!

Gabriele Luster