Das BR-Symphonieorchester mit Mendelssohn, Strauss und Ravel
(München, 26. März 2009) Felix Mendelssohns "Schottische" einmal ganz ernst, herb und gewichtig gespielt, dazu den Herbst des Lebens in den "Vier letzten Liedern " von Richard Strauss, gesungen von Anja Harteros und zum Abschluss die mediterrane Sommer-Ekstase in Ravels "Daphnis und Chloé": Was auf den ersten Blick als Programmabfolge etwas ungewohnt anmutet, erwies sich am Ende als klug gebauter Abend, der sich vom Aufbruch und der Unbeschwertheit der Jugend über die Reifezeit eines Lebens bis zum milden Rückblick und die Vorausschau auf den Tod erstreckte.
Mariss Jansons vermochte in jedem Takt seiner Mendelssohn-Deutung zu vermitteln, dass sich da einem Individuum tiefe Erlebnisse von Naturgewalten, Landschaften und ihrer Transzendenz eingeprägt haben, ohne dass eine - auch nie komponierte - Programmatik ausgestellt worden wäre. Aber indem Jansons fast durchweg bedächtige Tempi wählte, dann aber Streicherkantilenen mit immensem Nachdruck auflud, erzeugte er eine Intensität, durch die die Musik über allen oberflächlichen Effekt erhoben wird und ganz dem Konzept einer ?durchkomponierten", ohne Pause zwischen den einzelnen Sätzen zu spielenden Symphonie folgt: Deren erste drei Sätze gehen ohne Finalwirkung zu Ende, während auch die Choral-Apotheose des letzten Satzes in einem Symphonie-Finale bis dato unerhört war. Die BR-Symphoniker folgten Jansons mit zunehmender Sicherheit und Klangschönheit, obwohl für Momente immer wieder hörbar wurde, wie ungewohnt dieser Zugang für sie noch war.
Ganz anders ging der Chef des BR-Symphonieorchesters mit der zweiten Suite aus Ravels Ballett "Daphnis und Chloé" um. Ihren schillernden Klangfarbenreichtum stellte er mit Lust an den auf- und abschwellenden Steigerungswellen aus, ließ flirrende, erotisch aufgeladene Sommerhitze sich verströmen und verwandelte die Ekstase des finalen Tanzes in geradezu weißglühendes Feuer, das freilich allzu monumental loderte und fast unangenehm ins Ohr drang.
Zwischen diese beiden weit auseinander liegenden Pole fügten sich die "Vier letzten Lieder" vollendet ein, zumal wenn in diesem schönheitstrunkenen Lebensrückblick kein mild verklärender Sopran-Silber-Schimmer verströmt wird, sondern der warme, rotgoldene Glanz einer großen, schönen, jugendfrischen Stimme wie der von Anja Harteros. Der dunkle Hintergrund dieses kostbaren Timbres erdet sogar Spitzentöne und lässt sie körperhaft plastisch leuchten. Aber die Griechin vermag ihr wertvolles Material auch hochmusikalisch einzusetzen, bestechend schön zu phrasieren und kam nie in die Versuchung, die Texte Hermann Hesses und Joseph von Eichendorffs der "Fülle des Wohllauts" unterzuordnen. So erntete die wunderbare Protagonistin der Straussschen "Arabella" an der Staatsoper und künftige Elsa am Nationaltheater denn auch zusammen mit Mariss Jansons Ovationen.
Klaus Kalchschmid