Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie präsentierten bei den Salzburger Festspielen einen sensationellen Beethoven-Zyklus
(Salzburg, Ende Juli 2009) Da rede noch einer von Energiekrise! Wo Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen Beethoven spielt - wie eben bei den Salzburger Festspielen im Großen Saal des Mozarteums - wird ein Feuer entfacht, das alle Konventionen und schlampigen Notenbekanntschaften schon in den ersten Takten zu Asche verglimmen läßt. Zu sagen, dass nichts davon bliebe, wäre übertrieben. Denn es gibt bekanntlich viele Arten, Beethoven recht zu verstehen. Aber viele (auch geliebte) Erinnerungen verblassen und können ad acta ins externe Hörarchiv verlegt werden. Mit Sicherheit nicht jene denkwürdige und maßstabsetzende Aufführung der Beethoven-Symphonien bei den Salzburger Festspielen 1994 durch das Chamber Orchestra of Europe unter Nikolaus Harnoncourt.
Järvi räumt mit vielen Mythen auf: Dass Beethovens symphonische Tempoangaben unspielbar wären, ist ein altes Gerücht. Im Großen Saal des Mozarteums wurde es - zumal in den Finalsätzen - nicht in Luft, aber in fast immaterielle Energie aufgelöst. Als exemplarisch kann der Finalsatz der Siebenten gelten, der von Järvi als das präsentiert wird, was er ist: Rhythmus pur, Musik, von der Leine gelassen, wie die Apotheose einer anarchistischen Revolte, die nur an manchen Stellen kurz innehält, um danach mit umso wilderer Entschlossenheit vorwärts zu breschen und am Schluß wie ein kosmischer Asteroidenhagel im Kopf des Hörers einzuschlagen. Dabei beginnt der Dirigent den Satz in einem - nach dem wirbelnden Scherzo - geradezu moderat wirkenden Tempo, das eine genaue Artikulation erlaubt.
Järvi gibt den Symphonien den frischen Wirbelwind der Uraufführungs-Aura zurück. An seiner Interpretation ist nichts erdenschwer. Nichts Feierliches und Heroisches zieht uns hinab, kein Ton wird zu lange zelebriert, kein Ritardando zerdehnt, keine bedeutungsschwangere Kunstpause auf dem Vorzeigetablett vorbeigetragen. Auch das Allzu-Kunst-Grimmige, es ist verbannt. Beethoven ist grimm genug. Der Anfang der "Eroica": Eine auf zwei trockene, fast hastig wirkende Akkordschläge reduzierte Einleitung, die in das federnd-leichtfüßige und rasch vorgetragene Hauptthema münden. Der Beginn der Fünften: Ein knappes Statement, kein bedeutungsvoller Titanen-Aufklärungsunterricht über das Pochen des Schicksals. Die "Adagio molto"-Einleitung der zweiten Symphonie tritt nicht auf der Stelle, sondern bezieht ihre Spannung aus dem Wissen, dass dahinter das in den ersten drei Symphonien gleichartig vorgeschriebene "Allegro con brio" wartet, das in der Fünften wiederkehrt und in der als "klassizistisch" geltenden Achten Symphonie zum "Allegro vivace e con brio" mutiert.
Nie sind die Tempi am unteren, sozusagen am Knappertsbusch-Ende der Skala angesiedelt. Insbesondere die zweiten Sätze - welche Tempobezeichnungen sie auch immer tragen mögen ? schreiten zügig voran. Auch die "Pastorale" hat insgesamt einen entschiedenen Grundpuls, der in diesem Fall freilich nicht sehr weit von den rascheren Interpretationen der Vergangenheit abweicht. Und immer wieder bei allem Eilen - oder Getrieben-Sein? -sind Ruhepunkte eingelassen. Pianissimi, die oft an die Grenze des Hörbaren gehen, Takte des Verweilens, bevor - man sieht es schon am Bewegungsansatz des Dirigenten kommen -das Ganze von vorne losgeht. Da holt der ganze Körper Järvis Luft, ehe sich die Bewegung ins Orchester hineinverlagert, der Pauker - oder ein anderer Musiker, wie der Klarinettist oder der Oboist, der schon nach zwei Konzerten zum Liebling des Publikums avanciert ist -die vorwärtsbrausende Energie mit jenem kompakten Rest an irdischer Materie begabt, der notwendig ist, um die Schwer-Kraft zu überwinden. Dieser Wunder-Pauker! Man erinnert sich, wie wichtig die Pauke den Beethoven-Zeitgenossen war. Sein Gewittersturm läßt selbst die heute üblich gewordenen europäischen Tropengewitter blaß aussehen.
Die erdenschwere Kraft - und das erlaubt wahrscheinlich überhaupt erst Järvis Stil - ist in einem kleinen Orchester - die Deutsche Kammerphilharmonie zählt etwa 40 Musiker -deutlich reduziert. Und wenn dann noch die alten Trompeten blasen, wird auch das Schmettern federleicht. Der zweite Vorteil: Die Durchlässigkeit für Nebenstimmen ist vergrößert und erlaubt dem Publikum eine ganz neue Hörerfahrung, beschert ihm Momente der Erkenntnis, die er sich sonst nur über die Partitur aneignen könnte. Lernen und Spaß haben, diese Maxime des Sturm und Drang, erhält hier ihre schöne Bedeutung zurück.
Überhaupt: Man muß diese Symphonien auch gesehen haben. Die gespannte Aufmerksamkeit der Musiker, die Kommunikation mit dem Dirigenten, der seine Anweisungen nie mit dem Taktstock des strengen Dozenten vorbetet, sondern seine Impulse in freien, wechselnden Variationen in die Orchesterrunde streut. Den ersten Satz der "Eroica" schlägt er abwechselnd auf Eins, auf Drei und mit über die Takte gezogener Agogik. Man merkt: Diese Musiker und der Dirigent kennen sich seit Jahren.
Und auch das Publikum lässt sich schon am ersten Abend mit auf die Reise nehmen. Man darf davon ausgehen, dass nicht nur "Spezialisten", die Järvis Art schon von der CD kennen, in diesen vier Konzerten sitzen, in denen die Beethoven-Symphonien chronologisch gespielt werden. Kaum je hat man so viele Bravo-Rufe beim Festspiel-Debüt eines Dirigenten gehört, kaum je so spontan die Sitzreihen sukzessive ergreifende kollektive Standing ovations gesehen.
Man mokiert sich manchereits gern übers verzopfte Festspiel-Publikum. Aber das ist -zumindest im Konzertbereich - inzwischen eher selbst ein Vorurteil mit einem langen Bart: Was Qualität ist, wird erkannt und rasch ins Herz geschlossen. Da ist eben lange Vorarbeit getan worden, von Hans Landesmann bis Markus Hinterhäuser, der nach einem rasch ausgebrochenen Konflikt mit dem designierten Festspielintendanten Alexander Pereira -der ja ursprünglich auch aus dem Konzertbetrieb kommt und durchblicken hat lassen, er wolle im Konzertbereich der Festspiele mitreden - angekündigt hat, nach 2011 nicht mehr zur Verfügung zu stehen.
Wessen Idee es war, die Symponien chronologisch zu reihen, wissen wir nicht. Auf jeden Fall war es eine gute. Denn sie widerlegt die zweite Mär: Dass es bei Beethoven "große" und "kleine" Symponien gäbe, die Ungeraden und die Graden. In der chronologischen Abfolge wird das - zumindest von Järvi - stark relativiert und der Blick auf das viel Wesentlichere gelenkt: Auf den kompositorischen Fortschritt, den jede neue Symphonie gegenüber der vorhergehenden repräsentiert, auf die fortschreitende Verlagerung des Hauptsatz-Schwergewichts auf den Durchführungsteil. Und auf die durchgängigen Charaktermerkmale Beethovens: Seinen Witz und seinen Grimm, die in den Symphonien abwechselnd im Vordergrund stehen.
Teilhaben darf man in der Chronologie aber auch an den Lösungsversuchen dessen, was man einmal - mit Blickwinkel auf Gustav Mahler - das "Problem des letzten Satzes" genannt hat. Die sogenannten "heroischen" Symphonien sind jene, in denen Beethoven mit dem Finale experimentiert oder besser: gezwungen ist, dafür neue Lösungen zu finden: in der Dritten mit einer Verbindung von Variations- und Sonatenhauptsatz, in der Fünften mit der Einheit von Scherzo und Schlußsatz und der Zuspitzung der Gesamtdynamik aufs - im doppelten Sinn des Wortes - "Finale" hin, in der wahnwitzig übersteigerten Energetik des Schlusses der Siebenten und der formsprengenden Verwendung der "Ode an die Freude" in der Neunten, die nach den Reminiszenzen an die vorangegangenen Sätze den Blick in eine neue symphonische Welt zu richten scheint.
Experimentieren heißt in diesen Sinn aber auch: Die-Form-Bewahren-Wollen. So gesehen, sind die "geraden" Symphonien auch andere Gesamt-Lösungsansätze, die mit der Verteilung der Gewichte der einzelnen Sätze innerhalb der Symphonie zu tun haben. Ohne den Piano-Schluß des Ersten und ohne das Gewitter des 3. Satzes hätte Beethoven wohl kaum die fast schon mahlerische Lösung des Hirtengesang-Rondos als Finale der "Pastorale" schreiben können. Paavo Järvi läßt den Hörer an dieser Verschiedenartigkeit Anteil nehmen, ohne von Symphonie zu Symphonie die "Sprache" der Interpretation ändern zu müssen. Er kostet die großen Kontraste und Widersprüchlichkeiten aus, die sich in die Symphonien gleichsam "von außen" eingenistet haben: Es ist die Dialektik der Zeitumstände, die den Symphonien Beethovens ihren Stempel aufdrückt: das Aufeinandertreffen von Gegensätzen, der Zusammenprall von Unversöhnlichem - Hegels Philosophie in Musik gebannt, Beethoven auf der immer neuen Suche nach der möglichen Synthese, die das Unvereinbare in die strenge symphonische Form bannen könnte.
Dass ein Musizieren, welches genau das vorführen möchte, ohne Transparenz, das Hervorheben von Nebenstimmen, das Nicht-Übertünchen von Ecken und Kanten an den Übergängen innerhalb der Sätze nicht auskommt, erscheint nur folgerichtig. Dass das nur geht, wenn musikantische Spielfreude und Phantasie ohne grüblerisches Übergewicht im Spiel sind. Zu realisieren ist das nur mit einem extrem aufmerksamen, risikofreudigen Orchester, das Klangschönheit und Kratzbürstigkeit zu vereinen weiß und dort, wo der Komponist selbst seine grantigen Seiten hervorkehrt - Svjatoslav Richter hat einmal von Beethoven als einem "angry character" gesprochen - durchaus rüde klingen kann.
Getrieben von einem Dirigenten, der - zumal in der Siebenten Symphonie - das Feuer immer wieder von neuem anfacht, mit immer neuen rhythmischen Impulsen auflädt und den Blick aufs Ganze nie aus den Augen verliert und - im Fall der Siebenten - den 2. Satz attaca an den Ersten anschließen läßt und auch danach nur minimale Atempausen konzediert.
Wo Paavo Järvi immer auch hinkommt, hinterläßt er Spuren. Die müssen nicht beim ersten Mal schon deutlich zu hören sein. Im Vergleich zum Orchester klang die für ihre Risikobereitschaft bekannte Janine Jansen als Solistin in Beethovens Violinkonzert - trotz klangschönem, lupenreinem und schlankem Ton - geradezu brav. Der Orchesterfunke schien in den Ecksätzen nur in wenigen Passagen - wie in den Kadenzen des Kopfsatzes - wirklich auf sie überzuspringen. Umso schöner und mit fragiler Intensität begabt verschränkte sich die Violinstimme mit dem Orchester im Larghetto.
Anton Sailer