Mozart-Referenzen

René Jacobs setzt seinen Mozart-Zyklus bei Harmonia Mundi mit dem "Idomeneo" fort. Es singen u.a. Richard Croft, Bernarda Fink und Kenneth Tarver, es spielt das Freiburger Barockorchester

René Jacobs hat, wann immer er Mozart für Harmonia Mundi einspielte, eine Referenzaufnahme vorgelegt. Zuletzt als Abschluß der Da-Ponte-Trilogie "Don Giovanni", sowie "La clemenza di Tito", beides 2006. Nun also nach der letzten die erste der "großen" sieben Opern Mozarts. Beide sind zu Teilen noch eine Reverenz an die obsolete Gattung der "Opera seria", doch der "Idomeneo" des 25-Jährigen ist außerdem ungestümes Jugendwerk wie auch schon musikdramatisches Meisterwerk, das vieles bis hin zur "Zauberflöte" antizipiert.

René Jacobs hat das "dramma per musica" strichlos aufgenommen, sogar in den Rezitativen, ignorierte er die Verknappungen, die Mozart für die Münchner Uraufführung machen mußte oder wollte, etwa um den dritten Akt nicht überproportional lang werden zu lassen oder um den nicht optimalen Interpreten entgegen zu kommen.

Im Booklet - und auf einer erhellenden Making-of-DVD von 45 Minuten - votiert Jacobs eloquent gegen diese Eingriffe und für die Qualität des unterschätzten Librettos sowie die stilistische Vielfalt der Paritur. So lässt er die beiden "altertümlichen" Arien Arbaces - von Kenneth Tarver sehr stilsicher gestaltet - singen und alle Märsche sowie die gesamte Ballettmusik spielen.

"Idomeneo" klingt bei Jacobs wie eine durchkomponierte Oper und man freut sich oft nicht nur auf die nächste "Nummer", sondern auch auf das nächste Rezitativ, das der Dirigent unterscheidet in "recitativi semplici" (von Hammerklavier und Cello farbig und phantasievoll improvisiert), "recitativi accompagnati" (also von lang ausgehaltenen Stützakkorden des Orchesters begleitet) oder "recitativi obligati" (in denen das Orchester "kommentiert"). Wunderbare Spannungsbögen entstehen so, großangelegte Accelerandi oder Diminuendi.

Richard Croft in der Titelrolle ragt unter den Sängern weit heraus. Er ist ein geradezu idealer Idomeneo mit fein timbrierter Mozart-Stimme, die er für das Porträt eines gebrochenen Kriegers und Herrschers, der dank Gelübde seinen eigenen Sohn opfern soll, unglaublich nuanciert einsetzt. Die Kastratenpartie dieses Idamante lässt Jacobs, obwohl selbst einst Countertenor, nicht von einem solchen singen. Bernarda Fink fehlt es zwar kaum an Leidenschaft und gesanglicher Souveränität, doch die großartige Mezzosopranistin wirkt nicht nur kaum so jugendlich, wie man sich den Königssohn vorstellt, sondern lässt auch wenig erotische Spannung zu Ilia spüren, die Sunhae Im als wunderbar zerbrechliche junge Frau charakterisiert. Alexandrina Pendatchanska ist eine dramatische, aber vokal nicht immer gut focussierte Elettra. Der Rias Kammerchor singt hoch präsent und präzise, wie auch das Freiburger Barockorchester mit einer solchen Verve, Plastizität und Dringlichkeit spielt, dass man nach gut drei Stunden den CD-Player gleich noch einmal startet.

Klaus Kalchschmid

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