Mit Gérard Depardieu als Sprecher und Riccardo Muti am Pult der Wiener Philharmoniker war Sergej Prokofjews "Iwan der Schreckliche" bei den Salzburger Festspielen zu erleben.
(Salzburg, 15. August 2010) "Ich liebe das Kino", bekannte Sergej Prokofjew 1932 in einem Interview in einer französischen Zeitung. Das war kurz vor Beginn seiner Karriere als Filmkomponist, während der er nicht weniger als sieben Partituren für den Film schrieb. Die letzte ist die zu "Iwan der Schreckliche" von Sergej Eisenstein von 1948.
Den Auftrag zu einem Film über den ersten Herrscher und Beherrscher Russlands hatte Eisenstein vom Staatlichen Kinokomitee der UdSSR 1941 erhalten. Somit war klar, was man von dem großen Regisseur erwartete. Nicht die Darstellung einer auf Gewalt und Unterdrückung sich gründenden Herrschaft, die Iwan in seinen späteren Jahren praktizierte und die ihm seinen plakativen Beinamen eingetragen hat, sondern die glorreiche Einigung des russischen Reichs und die Segnungen der ersten echten Monarchie auf russischem Boden.
Auch wenn die Filmindustrie in der Sowjetunion der 30er und 40er Jahre unter ganz besonderer Beobachtung des Staates und damit Stalins stand und reichlich zu propagandistischen Zwecken missbraucht wurde, versuchten sich doch Regisseure wie Sergej Eisenstein Freiräume zu sichern, um ihre künstlerischen Visionen zu verwirklichen. Mit wechselndem Erfolg. Während "Alexander Newski", für den allseits Applaus und Anerkennung fand, geriet "Iwan der Schreckliche" ins Kreuzfeuer der Kritik bei der Staatsführung.
Eisenstein wollte seinen Iwan aber nicht nur als geschichtlichen Bilderbogen, sondern auch als psychologische Tragödie verstanden wissen. Und Prokofjew, mit dem er schon einmal sehr erfolgreich zusammengearbeitet hatte, folgte dem hochverehrten Kollegen überaus bereitwillig, bis hin zu Bitten Eisensteins wie: Schreib etwas, das klingt wie Kork, der über eine Glasscheibe gerieben wird."
In engster Abstimmung entstanden so Szenen von geradezu opernhaftem Gestus. Der als Dreiteiler angelegte Film blieb jedoch Fragment, weil Eisenstein 1948 während der Arbeit daran starb. Auch die Musik blieb Fragment, wurde aber nach Prokofjews Tod von Abram Stassewitsch zu einem Oratorium umgearbeitet und so für eine konzertante Aufführung nutzbar gemacht.
Fast wie bei Verdi klingt der Beginn mit einem kurzen Orchestervorspiel und dem einleitendem Chor, der die Bedrohung der Moskowiter durch die Bojaren veranschaulicht.
Unmittelbar dramatisch wirkt diese Szene und Riccardo Muti lässt die Musik peitschen und knallen, dass man - noch bevor Iwan das Wort erhebt - es schon mit der Angst bekommt. Die Wiener Philharmoniker spielen das mit punktgenauer Präzision, klar und straff und wenn es sein muss auch überwältigend monumental - dabei aber mit einem Minimum an Pathos, Kitsch oder Breitwandsoße.
Gérard Depardieu, der auf russisch deklamiert, macht keinen Filmhelden aus Iwan - dazu sind die Texte in dieser zum Oratorium umgebogenen Filmmusik auch zu rudimentär, der Handlungsfaden zu locker gesponnen. Aber der phänomenale Franzose, der mit einem Gipsbein auf die Bühne humpelte, und mit nach vorne gebeugtem Oberkörper ins Publikum hineinrezitiert, raunt, ruft und brüllt, offenbart in Stimme und Gesten dennoch jede Menge von den dunklen Seiten der Macht und der zerstörerischen Kraft einmal in Gang gesetzter gewaltsamer Prozesse - bis hin zur Gründung von Iwans Geheimpolizei, dem Opritschniki-Heer. So wie Stalin 400 Jahre später seinen NKWD für ähnliche Aufgabe einsetzte.
Diese anspielungsreiche Passage war dann auch der Grund für das Verbot des zweiten Teils des Films, worüber Eisenstein letztlich zerbrochen und wenig später an einem Herzanfall gestorben ist, und Prokofjew nie wieder eine Note Filmmusik komponierte.
Neben Depardieu beeindruckten in dieser beispielhaften Aufführung Jan Josef Liefers als enorm wandlungsfähiger Erzähler, Ildar Abdrazakov mit einem energischen Basssolo und Olga Borodina mit zwei elegischen Altarien. Außerdem der phantastische Wiener Staatsopernchor, einstudiert von Thomas Lang.
So blieb dem Publikum im Salzburger Großen Festspielhaus nach dem an Monumentalität kaum zu überbietenden Schluss gar nichts anderes übrig, als die Akteure mit standing ovations ausgiebigst zu feiern.
Robert Jungwirth
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