Wahnsinn Italien

Goethes Italienische Reise
Musikalisch begleitet Quadro Nuevo
Gesprochen von Ulrich Tukur, Ulrike Kriener, Frank T. Zumbach
Konzept und Regie: Julia Schölzel, Mulo Francel

Steinbach Sprechende Bücher und BR
GLM LC 11188

Wer jetzt nicht ins Land der Sehnsucht reisen kann, der kann sich mit Goethes Italienischer Reise weitaus preiswerter mediterranes Lebensgefühl für gut 100 Minuten ins Wohnzimmer holen. Die nostalgisch anmutende Jazz-Formation Quadro Nuevo begleitet den reisenden Weimarer Geheimrat mit alten Canzonen und eigenen Kompositionen auf seiner 9 monatigen Italientour vom Mauthäuserl am Brenner über Venedigs Lustlagune, Roms Pracht bis an den lieblichen Meerbusen Neapels. Szene für Szene dringt man tiefer ein in das Zitronenland und damit tiefer in Goethes Tagebuchaufzeichnungen, in denen er so liebevoll wie detailliert Land, Sitten und Menschen wahrnimmt. Ein ganz andere dichterische Qualität kann man hierin entdecken, die überraschend frivolen Venetianischen Epigramme zeigen, wie ernst Goethe das Wort "sinnlich" nahm.

Ob in Veronas Handwerkerviertel oder bei einem Romspaziergang im Mondenschein, es breitet sich sofort eine zum Greifen nahe poetische Atmosphäre aus, wenn die vier Musiker von Quadro Nuevo heimlich daneben stehen, an den Strassenecken und Piazze lauschen, und eine Art musikalischen Film komponieren, der Goethes Erlebnisse so plastisch und lebensnah über die 230 Jahre hinweg für uns heute fühlbar macht. Der Schauspieler Ulrich Tukur als ego- und exzentrisches Goethsches "Ich" scheint für diese Rolle prädestiniert. Das Selbstgefällige des gefeierten Geheimrats wie dessen tatsächlich warmherzige Klugheit stellt Tukur brilliant heraus. Einfühlsam lösen die mal witzigen, mal introvertierten Canzone Tukurs Erzählungen ab, die Stimmungen verdichten sich in stillen wie temperamentvollen Momenten.
In weniger als zwei Stunden ist man nicht nur mit einem der größten deutschen Dichter und Denker als virtuosem Reiseleiter durch das Land kutschiert, das wir Nordalpenbewohner trotz wahnsinniger politischer und katholischer Verhältnisse nicht aufhören zu lieben. Die größte Entdeckung ist jedoch Goethe selbst, wie er, der so gerne übergroße, ganz normal menschlich wird, und wie viele andere nach ihm auch, dieser einzigartigen Mischung aus malerischer Natur und gewesenem Weltreich, der warmen Sonne, dem mediterranen Lebensgefühl, dem Wein und den Oliven verfallen ist.

Cosima Berner-Wüst

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