Im Dialog mit der Musik

Isabelle Faust Foto: Felix Broede

Das Orchestre des Champs-Élysées unter Philippe Herreweghe begeistert mit der Geigerin Isabelle Faust in der Philharmonie in München

(München, 20. Oktober 2012) Als Philippe Herreweghe 1991 das Orchestre des Champs-Élysées in Frankreich ins Leben rief, da war es eines der ersten Sinfonieorchester, die auf "historischen" Instrumenten spielten. Der Auftritt eines solchen Orchesters galt als eher exotisch, etwas für Spezialisten. Nun, 20 Jahre später, haben sich im Grunde alle "konventionellen" Sinfonieorchester die historisch informierten Spielweisen angeeignet - und was tut das "Original"-Ensemble. Es beginnt, wie ein "konventionelles" zu klingen.

Scherz beiseite. So weit geht der Rollentausch natürlich nicht. Aber was am Orchestre des Champs-Élysees bei seinem Gastspiel in München zu bemerken war, ist das sinfonische Selbstverständnis, mit dem die Musiker des Orchesters ans Werk gehen und ein Erlebnis an Gesamtklang, dass früher nur von Orchestern mit langer Tradition zu haben war. Herreweghe präsentierte in München ein Programm am Rande der Romantik, zwei Sätze aus Brahms zweiter Orchesterserenade und seine dritte Sinfonie sowie das Violinkonzert von Mendelssohn, eben mit Isabelle Faust als Solistin. Auch sie ist eine Künstlerin, die das beste beider Welten nahtlos miteinander vereint. Allerdings kommt sie aus der anderen Richtung; zuerst mit "traditionellem" Quartettspiel begonnen und sich dann immer mehr mit der Aufführungspraxis befasst, was ihr dann sogleich die Tür zur zeitgenössischen Musik aufgestoßen hat. Wie schön, dass es in der klassischen Musikinterpretation von heute offenbar keine Regeln und Spezialisten-Nischen mehr gibt. Alles geht mit allem. Und wie gut!

Das Orchester und sein Brahms also. Große Besetzung, zwölf erste und zweite Geigen, sechs Kontrabässe. Ausführliche, auch optisch abgesetzte Bläsergruppe, in der Serenade als eigener "Chor" rechts, in der Sinfonie und bei Mendelssohn dominant in der Mitte und erhaben. Und dann ein sämiger, wie zum Streicheln weicher Zusammenklang. Dunkle, süffige Bläserfarben und seidige Geigen, die nie die anderen Instrumente überstrahlen oder schrill wirken. Brahms' Dritte machte sich ganz unaufgeregt Raum und entfaltete sich völlig ohne die oft zu hörende Brahms-Hektik. Vor allem leise ging es zu, sensibel. So feine, unangestrengte Piani kriegt kein "modernes" Orchester hin. Den vielleicht schönsten Satz dieser Sinfonie, den dritten, Poco allegretto, ließ Herreweghe hereinschweben und sich dann als fein gesponnen Tanz der Klänge verbreiten. Das erscheint wie der Königsweg zu Brahms: ein großes Orchester mit der richtigen Substanz, das dann aber der Partitur ein elegantes, feines Glitzern entlockt. Brahms ist auch im Sinfonischen der Kammermusiker, und damit kommen wirklich bezwingend eigentlich nur die Instrumente seiner Zeit zurecht.

Das Orchester und seine Solistin, die Geigerin Isabelle Faust: eine hinreißende Zusammenkunft. Alles in vollendeter Balance, keiner zu laut oder aufdringlich, und trotzdem alle damit beschäftigt, ihr Bestes zu geben. Isabelle Fausts Spiel ist nach wie vor und immer wieder eine Offenbarung. Ob sie Beethovens Sonaten und sein Violinkonzert neu entdeckt oder aus Bachs Sonaten und Partiten endlich wirkliche Musik macht: Sie hat den Umgang mit scheinbar wohl Bekanntem neu justiert und die Ohren dafür geöffnet, was an Überzeitlichem darin enthalten ist. Auch Mendelssohns Violinkonzert profitiert ungemein von Fausts umfassender Sicht auf die Musik und ihre Geschichte. Das ist ein Virtuosenkonzert reinsten Wassers, aber eines, das souverän aus der Musiksprache der Vorgänger schöpft und sie in der Harmonie und dem melodischen Aufbau der anbrechenden Romantik ausgestaltet. Da brauchte auch Faust nie laut zu werden, da musste sie nichts forcieren. Da sie die barocken Spieltechniken beherrscht, da sie weiß, was Leopold Mozart am Geigenspiel für richtig und wichtig befand, kann sie das als handwerkliches Grundgerüst einsetzen und darüber den Gedanken fliegen lassen. Kein Kampf gegen das Instrument, sondern ein inniger Dialog mit ihm.

Das Mendelssohn-Andante - eine Sternstunde

Eine Sternstunde - so noch nie gehört: das Andante, das in seinem Reichtum an Details, seinen immer neuen Wortwendungen erschien, als wolle es gar nicht mehr aufhören, als fiele der Geigerin noch ein neuer Gedanke ein, den sie im Dialog mit dem Instrument noch ausformulieren wollte. Sehr schön zu schauen war auch Fausts physischer Umgang mit ihrem Stradivari-Juwel: sie atmet damit, sie trägt es im Sinn des Wortes auf Händen, sie führt den Bogen, als sei ihr Arm ein Flügel, sie tanzt ganz zart mit dem Instrument und scheint immer wieder davonschweben zu wollen. Das ist auch Teil des Musik-Machens und ist sichtbarer Ausdruck, wie im Musizieren Körper und Seele eins werden.

Ach ja, das Instrument: auch ein "Originales", eines aus dem Jahr 1704. Da gab es Bachs Sonaten und Partiten noch gar nicht, da war das Höchste der Violinkunst die Musik eines Franz Ignaz Biber, da war von Beethoven und Brahms noch keine Spur. Aus jener fernen Zeit stammen die Instrumente, die bis heute nicht übertroffen werden konnten. Instrumente, die das allerbeste an Musik inspirierten. Das sollten jene dringend bedenken, die immer noch meinen, die alten Instrumente und ihre Spielweise gering schätzen zu müssen. Eine Künstlerin wie Isabelle Faust hingegen zeigt, welche Wunder passieren, wenn man diese Instrumente als Gesamt-Persönlichkeit ernst nimmt und ihnen beim Spiel Respekt zollt.

Dann gab es noch eine Zugabe, die den Verdacht nahe legte, dass Herreweghe und Faust Gedanken lesen können. Beim Bewundern des Mendelssohn-Konzertes kamen schon Spekulationen auf, wie denn Brahms in den Händen von Faust klingen würde. Sie lieferte mit dem Orchester gleich die Kostprobe: der langsame Satz des Brahms-Konzertes - und wieder reinstes Glück: Sie bringt es tatsächlich fertig, Brahms mit der knarzigen Kante zu spielen, wie sie unvergleichlich Gidon Kremer geprägt hat und dabei weich und geschmeidig zu bleiben. Da hat jeder Ton Bedeutung, ohne damit schwanger zu sein, und er prägt sich leicht und selbstverständlich ein.

Musik sei eine Sprache, die jeder versteht, heißt es. Aber wie hier zu hören war, versteht man sie viel besser, wenn man auch mit ihrer Geschichte umzugehen weiß.

Laszlo Molnar


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